Bildbände von Südtirol gibt es so zahlreich wie Knödel in der dortigen Küche.
Aber einer - ich sage mal: eine illustrierte Landesbeschreibung - überragt alle anderen so hoch
wie der Turm der Pfarrkirche von Schlanders.
Sepp Schnürer, der 1992 verstorben ist, muss beinahe jeden Quadratmeter Südtiroler Boden aus eigener Anschauung gekannt haben. Jedenfalls vermittelt er in seinem Großband "Südtirol. Land zwischen Reben und Firn" eine derartige Fülle von Text- und Bildinformationen, dass das Gebiet seinen Lesern wirklich "ein Bild in der Seele macht" - wie Goethe gesagt haben würde.
Meine Lektüre geht langsam voran; das aber nicht, weil das Buch langweilig wäre. Ganz im Gegenteil schreibt Schnürer flüssig und sehr gut lesbar. Doch obwohl die großzügige Bebilderung insgesamt vielleicht die Hälfte der 240 Seiten beansprucht, hat das Werk eine hohe Informationsdichte. Jeder Nebensatz, jedes Beiwort transportiert allgemein touristische, geologische, historische oder andere landeskundliche Informationen. Gewiss, es gab damals schon die Reihe "Südtiroler Landeskunde in sieben Bänden" vom Bozener Athesia Verlag. Die hat auch Schnürer als Informationsquelle verwendet und in seinem Buch aufgeführt. Wer aber nicht gerade ein ausgesprochener Südtirol-Freak ist, wird sich diese Bände wohl nicht antun. (Obwohl ich an den Textunterstreichungen sehe, dass ich zumindest den Vinschgau-Band mit seinen ca. 450 Seiten, davon vielleicht 400 Textseiten, tatsächlich irgendwann mal durchgeackert haben muss.)
Außerdem muss man stets die Landkarte heranziehen, wenn man eine brauchbare räumliche Vorstellung von einem Gebiet haben möchte; auch das dauert. Aber die Mühe lohnt sich.
Was Schnürers Buch nach meinem Dafürhalten wohltuend von vielen anderen unterscheidet ist die konsequente Vernetzung von Text- und Bildinformation. Die Fotos sind in hervorragender Druckqualität wiedergegeben und ästhetisch durchweg ein Genuss. Aber der Autor hat nicht einfach "schöne Bilder" irgendwo in den Text reingeklatscht; vielmehr ergänzen die Aufnahmen (die sämtlich von ihm selber stammen) den Text und vermitteln eine visuelle Vorstellung des jeweils beschriebenen Gegenstands: Landschaft, Gebäude usw..
(Die Fotos hier im Blog - Burg Tirol und Turm der Pfarrkirche von Schlanders - stammen ebenfalls vom Verfasser; allerdings von dem des vorliegenden Blotts.😇)
Die anscheinend letzte (6.) Auflage erschien 2002; das Buch ist noch zahlreich im Antiquariatshandel greifbar. Ich jedenfalls lege es jedem Südtirol-Liebhaber ganz herzlich ans Herz! Die Landschaft, die historischen Zentren der Orte und die Sehenswürdigkeiten dürften sich seither nicht groß geändert haben; die wesentlichen Informationen sind also vorhanden und nach wie vor korrekt, weil ohnehin unveränderlich.
Aber einen pietätvollen bio-bibliographischen Erinnerungstext sucht man dort vergebens. Lediglich im Rahmen einer kurzen Darstellung der Verlagsgeschichte wird erwähnt, dass man u. a. "die Südtirol-Bildbände von Sepp Schnürer" herausgebracht habe.
Jedenfalls war er Mitglied des Deutschen Alpenvereins, Sektion Mühldorf am Inn. Eine 76-seitige Festschrift von 1984 zum 75jährigen Jubiläum enthält auch kurze Hinweise auf Schürers Aktivitäten, insbesondere im Rahmen des DAV Mühldorf.
Und die bereits oben verlinkte Vereinschronik für die Jahre 1990 - 1994 bringt seine Todesnachricht.
Ich finde es etwas schade, dass man über einen derart verdienten Autor, dessen zahlreiche andere (Berg-)Bücher ich nur dem Namen nach kenne, nur äußerst dürftige biographische Informationen im Netz findet. Vielleicht erbarmt sich da ja mal jemand, z. B. sein Verlag oder seine Alpenvereinssektion?
So informationshaltig Schnürers Buch auch ist, ab und an möchte man über die eine oder andere Sache doch mehr wissen.
Ein Thema, an dem man in Südtirol selbst dann nicht vorbeikommt, wenn man sich nicht brennend dafür interessiert, sind Burgen.
Dazu gibt es eine voluminöse und hochwissenschaftliche Reihe "Tiroler Burgenbuch" mit zahlreichen gewichtigen Einzelbänden für Nord- und Südtiroler Regionen. Das aber geht über die finanziellen Möglichkeiten wie über das Informationsbedürfnis eines interessierten Laien meilenweit hinaus: Ein daraus als Sonderdruck veröffentlichter Artikel allein über die Trostburg (Sitz des Südtiroler Burgeninstituts) umfasst 71 großformatige Seiten!
Ein umfassendes Verzeichnis (206 S. + 32 Farbtafeln), zudem mit mehreren Kartenbeilagen, nennt sich, etwas irreführend, "Südtiroler Burgenkarte. Mit Burgenführer und Detailkarten". Eine ausführliche Besprechung findet man hier.
Das ist umfassend und zweifellos auch verlässlich; zudem bietet es für einige bedeutende Burgen auch die Grundrisse. Aber wer z. B. über die großartige Burg Taufers etwas wissen möchte, dem werden die acht Textzeilen auf S. 115/116 dann doch etwas zu dürftig sein. In Internet-Zeiten ist die Informationsbeschaffung grundsätzlich kein Problem. Wer indes gemütlich im Sessel sitzend lieber in einem "richtigen Buch" nachschlagen will, für den ist "Die Burgen Südtirols" die richtige Wahl. Untertitel: "Türme, Festungen, Burgen, Schlösser, Ansitze, befestigte Klöster und ummauerte Städte in Südtirol. Touristischer Führer". Verfasst hat es ein Italiener: Marcello Caminiti. In deutscher Sprache, aber sicherlich auch im italienischen Original (GUIDA DEI CASTELLI DELL ALTO ADIGE), hat es eine ganze Reihe von Auflagen erlebt. Die erste datiert wohl von 1960 (hier wird 1959 als Erscheinungsjahr angegeben) und zählte 378 S.
Vermutlich letztmalig ist das (deutschsprachige) Werk 1989 erschienen, als "Neue, erweiterte und aktualisierte [7.] Auflage". Nunmehr ist es 407 S. (+ einige Index-Seiten) stark. Über die Burg Taufers berichtet es auf drei Textseiten (403 ff.) und mit einem ganzseitigen Farbbild. Von Größe und Inhalt her ist es ein richtiges "Handbuch" für einschlägig interessierte Reisende. Die recht zahlreichen und meist farbigen Abbildungen lassen in der Druckqualität zu wünschen übrig (teilweise blass und farbstichig). Aber für eine visuelle Vorstellung von der jeweiligen Burg usw. reichen sie aus.
Vor einiger Zeit hatte ich diese letzte Auflage über längere Zeit im Internet gesucht. "Richtiges Geld" wollte ich dafür jedoch nicht ausgeben, weil ich bereits die Auflage von 1977 besaß (mit 365 S.). Doch eines Tages erwartete mich, kaum glaublicher Glücksfall, ein Exemplar in einer Füssener Bücherbox!
Natürlich sind seither eine Reihe anderer Bücher erschienen, die sich mit den Südtiroler Burgen befassen. 80 davon hat z. B. Hanspaul Menara in seinem größerformatigen Werk "Südtiroler Burgen, Schlösser und Ansitze", Untertitel: "Ein Bildwanderbuch mit 80 Touren" behandelt und reich illustriert (1999).
Aber ein "Handbuch" wie das Werk von Caminiti ist seither wohl nie wieder erschienen. Das finde ich ebenso überraschend wie bedauerlich. Oder gäbe es heutzutage keine Käufer mehr dafür?
WIRD FORTGESETZT
