Mittwoch, 9. Mai 2012

Kunstmuseen in Berlin: Am Rande der Vernunft (Kupferstichkabinett), Surreale Welten (Sammlung Scharf-Gerstenberg), Museum für Gegenwart (Hamburger Bahnhof), Neue Nationalgalerie (Kulturforum), Alte Nationalgalerie (Museumsinsel)






 "Am Rande der Vernunft. Bilderzyklen der Aufklärungszeit" lautet der Titel einer (derzeit noch laufenden) Ausstellung von Stichen im Berliner Kupferstichkabinett am Kulturforum (hier eine Besprechung auf der Webseite der European News Agency; in der FAZ vom 01.04.12 nimmt Peter Richter die Ausstellung zum Vorwand für eine fulminante Attacke wider den tierischen Ernst bei der Kunstbetrachtung "Wider den Terror des Tiefsinns Ist Ernstsein wirklich alles?").

Am Rande der Vernunft sind auch die Werke der Surrealisten und ihrer Vorläufer, welche in der Sammlung Scharf-Gerstenberg "Surreale Welten" in einem der beiden nach ihrem Architekten Friedrich August Stüler (Wikipedia-Eintrag) als "Stülerbauten" bezeichneten Gebäude gegenüber vom Charlottenburger Schloss.
[Erg. 10.5.11: Die Sammlung ist nett, besteht aber hauptsächlich aus kleineren Arbeiten. Ein Surrealisten-Museum von Weltrang ist sie nicht. Derzeit hat Berlin jedoch Aussicht auf die Schenkung derer erstklassigen Privatsammlung des Ehepaares Ulla und Heiner Pietzsch, vgl. Bericht "Super-Gau in der Kunststadt Berlin? Ohne Mäzene kein Museum" im Cicero vom 09.05.12. Ein Problem ist nur, die Kosten für den erforderlichen Neubau eines Museums aufzubringen.]

Das beginnt schon draußen ...

 ... setzt sich fort beim einem Ausblick aus einem der Museumsfenster heraus ...
 

 ... oder in die Kuppel über dem Treppenhaus:

Vollends unheimlich ist jener Saal, in welchem die Kupferstiche der "Carceri d'invenzione" des Giovanni Battista Piranesi ausgestellt sind. Schon die Tür lässt Kerker-Assoziationen aufkommen:
 

 Und mitten im Raum ragt ein Rüssel heraus:
Rolf Szymanski, Figur in großer Höhe II
Anderswo brennt es:
Renée Magritte: Gaspard de la nuit, Ausschnitt

Ist es das Feuer der Liebe?
Max Ernst: Der Triumph der Liebe / falsche Allegorie, Ausschnitt



Von Hans Bellmer, * bekannt für seine obsessiven erotischen Zeichnungen und Puppenphotographien (ee. Abbildungen hier), hängt ein Selbstbildnis in dieser Galerie.

*[Wikipedia-Stichwort; ausführlich dieser Artikel anlässlich einer Ausstellung im Kleist-Museum in Frankfurt/Oder; noch länger "Hans Bellmer in The Art Institute of Chicago: The Wandering Libido and the Hysterical Body"; noch länger und reich illustriert, aber leider in französischer Sprache: "Anatomie du désir de toute urgence (Exposition Hans Bellmer)" von William Hamon aka Ewns],

Hans Bellmer, Selbstbildnis, Ausschnitt
 [Beiläufig: Interessant auch seine langjährige Gefährtin Unica Zürn; über diese vgl. auch hier und da, wobei Bellmers Shibari-Kunst vielleicht seinerzeit im Westen Pioniercharakter hatte, doch heute gibt es bessere 'Shibariten' (s. z. B. auch hier bei Mick Luvbight oder bei David Lawrence).]
 
Nach diesem Streifzug durch künstlerische Welten am Rande der Vernunft krochen endlich aus einem Stich von Francisco José de Goya y Lucientes wieder wohlige Erinnerungen an unsere (neue) Allgäuer Heimat hoch:
Goya: Torheit der Narren; auch: Stiermenge; Ausschnitt


Auch an ganz unerwarteter Stelle, im Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof, konfrontierte uns ausgerechnet ein städtischer Künstler aus der Neuen Welt mit der vorherrschenden heimatlichen Tierart:
Andy Warhol, Cow
Die Fassade dieses Museums für moderne, oder genauer: für modernste Kunst (ab ca. 1970), in dem mich besonders eine große Sammlung an Werken von Joseph Beuys beeindruckt hat, mit einer Lichtinstallation von Dan Flavin:
 

Die Flavin-Lichter leuchten aber deutlich schöner, wenn man die Kamerabelichtung so richtig schön dunkel einstellt:

Auf dem vorherigen Foto nicht lesbar ist der Test auf einer Tafel zwischen den Bögen: "Verkehrs- und Baumuseum". Mehr über das ehemalige Bau- und Verkehrsmuseum Berlin erfährt man auf einer privaten Webseite; offenbar lag das Gebäude seinerzeit im Ostsektor von Berlin.



Ein im Jahr 2008 aufgenommenes Video von "Felskopf" aus Youtube trägt den Titel "Beuys im Hamburger Bahnhof". Es zeigt allerdings offenbar nicht die Sammlung, sondern die Ausstellung "Beuys. Die Revolution sind wir" aus 2008/2009:



Wenn man ihn sucht, findet man den Spuk überall, auch in der Neuen Nationalgalerie, (Wikipedia; Moderne Kunst ca. 1945 - 1970) wo wir während unseres Berlin-Besuchs außer der Ausstellung "Gerhard Richter. Panorama" (im - je nach Perspektive - Erd- bzw. Obergeschoss) an einem anderen Tag auch die weitere Ausstellung "Der geteilte Himmel" über die unterschiedlichen Wege der Kunst im geteilten Deutschland sowie die noch aufgehängten Werke der Sammlung (beide im Untergeschoss) besichtigt haben.

Lee Bontecou: Untitled

Günther Brus, aus der Photoserie "Selbstbemalung"
Henry Moore: Woman on a bench

Wolfgang Mattheuer: Bratsker Landschaft, Ausschnitt

Wifredo Lam: Les Noces (Die Hochzeit), Ausschnitt


Fehlt noch was? Ja: die Gemäldegalerie am Kulturforum mit ihren Werken vom 13. - 18. Jahrhundert, aber da hatte ich keine Lust zum Knipsen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dort Bilder gesehen zu haben, welche im Rahmen meiner vorliegenden Thematik des Surrealen, Grauenerregenden, Spukhaften usw. eine gute Figur machen würden.



Ganz anders wiederum die Alte Nationalgalerie (19. Jahrhundert) auf der Museumsinsel.

Auch hier fängt der Spuk bereits draußen an; auf irgendeinem Museumsdach steht eine Pferdeflüsterin:

Und was sehen wir beim Blick nach draußen in Richtung auf den sogenannten Berliner Dom? Einen viergeteilten Reiter! Wahrlich, ich sage euch: Die Apokalypse ist nicht fern!

Selbst Könige haben ein Hundeleben ...
Detail aus: Harro Magnussen: Der Philosoph von Sanssouci in seinen letzten Stunden

... wenn sie krank und gebrechlich sind, so wie Friedrich der Große (der "Alte Fritz") hier im Alter dargestellt ist:
Harro Magnussen: Der Philosoph von Sanssouci in seinen letzten Stunden (Gips, getönt)
Ja, in diesem Museum hausen auch Tiere; außer Hunden z. B. ein furchterregender Drache:
Arnold Böcklin: Ruggiero und Angelica, Ausschnitt
Die Sirenen, gleichfalls von Arnold Böcklin gemalt, braucht er wohl nicht zu bewachen: an denen vergeht sich keiner, der sie aus dieser Perspektive sieht:

 Und nach dieser weißen Dame verspürt sicherlich auch niemand Sehnsucht:
Arnold Böcklin: Die Toteninsel, Ausschnitt (3., Berliner, Version)
Einfach nackte Frauen zu malen, das war im sittsamen 19. Jahrhundert unerwünscht. Nur wenn man die attraktiven Leiber mit schönen Vorwänden verhüllen konnte - historische, mythologische oder, wie hier, allegorische: "Meeresbrandung (Der Schall)" nannte Arnold Böcklin das Bild, von dem ich hier einen Ausschnitt zeige. Bei diesem Girl könnte man sich schon eher vorstellen, dass eine Drachen-Wache sinnvoll ist:
 


Ganz anders zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in der Kunst noch Sitte und Anstand herrschten. Caspar David Friedrich hat keine nackten Weiber gemalt, sondern bedeutungsvolle Landschaftsdarstellungen. Nun ja: wahrscheinlich gab es damals noch mehr Eichenwälder in Deutschland als heute. (Aktive) Mönche waren nach der Säkularisation dagegen wohl eher seltene Exemplare, vielleicht sogar noch seltener als heute.

Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald, Ausschnitt

Aber Mondsüchtige gab es offenbar schon damals. Hier erstmal zwo beieinander:
Caspar David Friedrich: Mann und Frau den Mond betrachtend

Und auf diesem Bild sind die mittlerweile sogar zu Dritt:
Caspar David Friedrich: Mondaufgang am Meer, Ausschnitt
  
Nachtrag: Abbildungen der Gemälde von Caspar David Friedrich findet man u. a. auf den Webseiten von Philipp Hauer (große, aber, wie mir scheint, nicht sehr qualitätvolle Wiedergaben) und von Susanne Albers (über mehrere Webseiten verteilt; die Wiedergaben sind kleiner, aber gut).


Nachtrag 10.05.2012
Nach unserer Abreise fand in Berlin ein Gallery Weekend statt, dass wir also verpasst haben. Pro memoriam hier die Webseite dazu und auf Matthias Planitzers Webseite "Castor & Pollux" Vorabinformationen.




 Textstand vom 10.05.2012. Fotos können durch Anklicken vergrößert werden.

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