Sonntag, 13. November 2011

Aus Versehen viel gesehen: Echelsbacher Brücke, Kloster Rottenbuch, Wieskirche


 Am vorigen Montag lief für uns alles schief - und trotzdem fiel am Ende doch alles auf die Füße.
Zur Wieskirche wollten wir mit dem Linienbus fahren, und von dort über den Brettlesweg und den Prälatenweg nach Steingaden laufen.


Der Bus fuhr auf dieser Tour aber nur bei Bedarf über die "Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies" (das ist, wie meine regelmäßigen Leser/innen bereits wissen, der offizielle Name der allgemein nur "Wieskirche" genannten Pilgerkirche); wir hätten unser Ziel also ankündigen müssen. Weil wir das versäumt hatten, landeten wir - an der Echelsbacher Brücke, die das Tal der Ammer überspannt.
Von dort stammt das Eingangsfoto einer am Brückengeländer angebundenen einsamen Rose. Wir hatten geglaubt, dass es zum Gedenken an einen Autounfall dort angebracht wurde. Allerdings erfahre ich jetzt in einem Artikel auf der Webseite "Waschbrettbauch" (von einem gewissen Helmut Muschalle), dass sich dort "schon weit über 100 Menschen ... das Leben genommen" haben, indem sie von der Brücke in die Tiefe gesprungen sind. Man muss also vermuten, dass diese Rose an den Selbstmord eines Menschen erinnert, der über das Geländer geklettert ist und sich in den Tod gestürzt hat (vgl. dazu auch hier.)
(An anderer Stelle kann oder konnte man offenbar auch ganz unbeabsichtigt in die Schlucht reinfallen.      Erg. 15.11.11: Zu diesem Vorfall hier der Bericht der Mutter!)
(Erg. 15.11.11: Zur Frage einer Verhinderung von Selbstmorden durch weitere Sicherungsmaßnahmen vgl. den Bericht "Mehr Sicherheit an der Echelsbacher Brücke gefordert" des Münchner Merkur vom 15.04.2009; dort erfahren wir auch, das das Bauwerk ein Industriedenkmal ist.)



Dass die Echelsbacher Brücke die "weitestgespannte Melan-Brücke der Welt" ist, sagt mir wenig. Aber auch hier klärt uns ein Wikipedia-Eintrag verlässlich über den in Wien geborenen und in Prag verstorbenen Bauingenieur Joseph Melan und die von ihm entwickelte Brückenbautechnik auf. (Ergänzende Informationen zum - noch in unserer Zeit angewendeten - Verfahren des Melan-Brückenbaus hier auf der Brücken-Webseite eines gewissen Karl Gotsch. Und selbstverständlich lässt uns die allwissende Wikipedia auch mit Details über die Echelsbacher Brücke nicht im Stich.)
Doch die technischen Daten auf der obigen Infotafel ("Bogenspannweite 130m, Höhe über Talgrund 76 m") bleiben abstrakt - bis man sie in natura oder auf Fotografien visualisiert sieht.

Eine gewaltige Brücke (eindrucksvoll z. B. auch diese  Winteraufnahme) .....

überquert ein eher mickriges Bächlein: die Ammer.

Die dürftige Wasserführung der Ammer auf diesem Bild ist natürlich der aktuellen längeren Schönwetterphase zuzuschreiben. Dieses originelle Foto (von der Webseite "Straßenkatalog" mit weiteren Bildlinks) zeigt den Bach schon ein wenig breiter und auf einem Bild aus der Webseite Kanumagazin ist der Wasserstand ausreichend für Kanufahrten.
(Eine äußerst detaillierte und bebilderte Beschreibung der Schlucht speziell für Kajaktouren auf diesem 'landschaftlich wohl schönsten Wildfluss Deutschlands' finden Interessierte hier; weitere z. B. da und dort).
Bei Unwettern, oder gar bei Schneeschmelze, kann die Ammer zweifellos zum reißenden Strom werden; anders hätte sie eine solche Schlucht kaum einschneiden können. Aber dazu finde ich für diese Stelle leider auf die Schnelle keine Bilder im Internet, lediglich ein Hochwasserfoto aus der "Scheibum" (s. dazu unten).


Ein weiterer Blick aus anderer Perspektive in die Tiefe - und auf die Unterbauten der Brücke.

Die Ammerschlucht ist übrigens ein Naturschutzgebiet und wird wegen ihrer Artenvielfalt auch vom WWF betreut. Gegen Pläne zum Bau von Wasserkraftwerken wendet sich die "Ammer-Allianz" (s. a. diese pdf-Datei).
Der Wunsch nach Erhaltung von Naturräumen ohne menschliche Eingriffe ist natürlich nachvollziehbar und begrüßenswert; andererseits frage ich mich, ob in der Ammer-Allianz die gleichen Leute aktiv sind, die bei anderer Gelegenheit auch gegen Atomstrom, Windkraftwerke, Stromleitungen ..... demonstrieren?
Im bayerischen Geotopkataster ist die Schlucht unter der Brücke gleich doppelt erfasst, nämlich unter den Nummern 180R011 und 190R033; die Schlucht ist aber länger und es gibt dort noch einige weitere Geotope bei einem "Scheibum" genannten - nicht ungefährlichen - Felsdurchbruch (hier ein Panoramabild aus Kajakfahrerperspektive).

Das für die Brücke namengebende Dorf Echelsbach liegt im Gebiet der Gemeinde Bad Bayersoien; die Brücke selbst auf Rottenbucher Gemeindegebiet.
Am westlichen Brückenende (in Richtung Rottenbuch) liegt ein Parkplatz (dabei übrigens auch ein Kiosk, der allerdings bei unserem Besuch nicht geöffnet war). Mitten im 'Niemandsland' bildet der Parkplatz sozusagen eine Verkehrsdrehscheibe für den Regionalbusverkehr, und von hier fuhren wir nach etwa einer halben Stunde zurück in Richtung Wieskirche.

Dort freilich erwartete uns neues Ungemach: beide Gaststätten (Café-Restaurant Schweiger und Gasthof Moser) waren geschlossen, und ebenso ein weiteres Café, das an sich ebenfalls Speisen anbietet.
Es gab auch keine Busverbindung, die uns rechtzeitig nach Steingaden hätten bringen können; dafür aber eine in die Gegenrichtung, nach Rottenbuch.


Das war nun schon unser dritter Besuch in Rottenbuch.
Das erste Mal hatten wir diese imposante Klosterkirche im "Pfaffenwinkel" (lt. Wikipedia-Stichwort wurde der Begriff bereits im 18. Jahrhundert geprägt, also lange vor seiner touristischen Nutzung) vor Jahren auf einem Busausflug von Garmisch-Partenkirchen besichtigt, der uns auch zur Wieskirche und zur Klosterkirche von Steingaden führte, und bei dem auch ein Stopp an der Echelsbacher Brücke eingelegt wurde. Das zweite Mal legte im Juni diesen Jahres auf der Rückfahrt von einem Ausflug nach Kloster Andechs der Reisebus hier eine kurze Pause ein.
Diesmal konnten - und mussten - wir die ehemalige Klosteranlage aber ganz unfreiwillig gründlich erkunden, weil erst gegen Abend ein Linienbus über Steingaden nach Schwangau zurück fuhr.

Wir haben unseren relativ langen Aufenthalt schon deshalb nicht bereut, weil wir gut und preiswert speisen konnten. Natürlich gibt es auch auf dem Gebiet der Klosteranlage in unmittelbarer Nähe zur Kirche ein Restaurant. Wir haben es aber vorgezogen, ein paar Schritte zur Veranstaltungshalle der Gemeinde zu laufen und dort im Keller in den "Hubertus-Stuben" zu speisen. Dort haben wir preiswert und 'balkanisch gut' gegessen.

 Das langgestreckte ehemalige Klosterareal ist riesig; diese Aufnahme erfasst bestenfalls die Hälfte der Länge (wobei freilich der andere Teil nicht wie hier durchgehend bebaut ist).


Vor der Kirche  Mariae Geburt liegt der noch heute genutzte Friedhof


und etwas weiter südlich (d. h. in Richtung Haupteingang zum alten Klosterkomplex) steht ein Kriegerdenkmal


Das habe ich hauptsächlich deshalb fotografiert, bzw. stelle ein Foto in diesen Blott ein, weil auch die Gefallenen des 2. Weltkrieges als "Krieger" bezeichnet werden: "Ehrentafel der gefallenen Krieger 1939 - 45". Diesen (sachlich natürlich nicht falschen) Ausdruck (häufig aber auch: "Helden") findet man m. W. sonst nur für das 19. Jahrhundert (insbesondere auf den zahlreichen Ehrenmälern für den deutsch-französischen Krieg 1870/1871. Allenfalls wird er noch für die Soldaten des 1. Weltkriegs gebraucht. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass ich ihn auf einem Denkmal für den 2. Weltkrieg gesehen hätte (da heißt es meist "Gefallene").


 In der alten Klosteranlage hat sich auch die Verwaltung der Verwaltungsgemeinschaft Rottenbuch-Böbing eingenistet; es gibt wohl nicht viele Gemeinden dieser Größe (beide Gemeinden zusammen haben ca. 3.500 Einwohner) mit einem so harmonisch proportionierten Rathaus.


Sicherlich warten Sie nun schon ungeduldig darauf, Innenaufnahmen der Kirche mit ihrem üppigen Rokoko-Dekor zu sehen - und siehe da: schon lugt die Turmspitze über einem Hausdach hervor!

Die natürliche Beleuchtung in dem ursprünglich romanischen Kirchengebäude ist ohnehin von der Lichtfülle eines Rokokobaues wie der Wieskirche meilenweit entfernt; am Aufnahmetag tat das trübe Wetter ein Übriges, um den Innenraum zu verdunkeln. Unter diesen Umständen hat sich meine brave Canon SX200 IS wirklich wacker geschlagen (Fotos ohne Blitz, der angesichts seiner dürftigen Reichweite ohnehin nichts bewirkt hätte):


Selbst die musizierenden Putten auf der ziemlich düsteren Orgelempore sind gut rausgekommen:

 Nur bei den Statuen-Füßen unter der Kanzel (etwa in der Mitte auf der linken Seite des Kirchenschiffs) hat es nicht ganz so gut geklappt:

Vor dem Verlassen der Kirche habe auch ich an meine Füße gedacht - und mir einen Pilgerstempel geholt:


 Der Einzelhandel im Klosterbezirk blickt stolz auf eine lange Tradition zurück, und jenes kleine Lädchen, in dem noch heute die 'Klosterkrämer' sitzen, ist das reinste Warenhaus. (Und, lobend sei es vermerkt, dabei nicht einmal unverschämt teuer: eine kleine Flasche Ettaler Klosterlikör, 0,1 L, kostete 3,- € [auch hier bei REWE kostet sie 2,99 Euro]; der Souvenirladen an der Wieskirche verlangt 4,50 € für das gleiche Produkt!)


 Weil wir so viel Zeit hatten, konnten wir sogar noch außen um die Klosteranlage herum laufen (wenn auch nicht auf dem "Meditationsweg", der ebenfalls daran vorbei führt). Dieses (dem Haupteingang entgegen gesetzte) Tor im Norden der Anlage führt ins Tal und zur Ammer hinunter, die in einiger Entfernung am Kloster vorbei fließt (s. a. den Ortsplan auf der Gemeindewebseite). Unten befinden sich u. a. zwei Fischteiche aus Klosterzeiten (in der Fastenzeit durften die Mönche ja kein Fleisch essen, wohl aber Fisch) und daneben eine Teich aus modernen Zeiten: die Kläranlage.
[Profan, aber für manche vielleicht nützlich, möchte ich in diesem Zusammenhang notieren, dass es im alten Klosterbezirk auch eine öffentliche Toilette gibt (direkt neben dem Kircheneingang).]

Das gesamte ehemalige Klosterareal ist vorzüglich mit Informationstafeln versehen; hätte ich die Tour vorher geplant, wäre ich vielleicht auf diese Webseite der Gemeinde gestoßen, welche die Tafeltexte sowie einen Plan der Gesamtanlage auch online verfügbar macht.

Zu unserer durch das Wiesfilz ("Filz" = bayerisch für Moor) führenden Wanderung von der Wies nach Steingaden sind wir auch noch gekommen, und zwar am (gleichfalls nebligen) vergangenen Freitag.
Das aber wird voraussichtlich das Thema für meinen nächsten Blott werden; der vorliegende ist schon lang genug (und hat mich, insbesondere für die verschiedenen Internet-Recherchen, auch  genug Zeit gekostet).




Textstand vom 15.11.2011

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