Montag, 14. Dezember 2020

Heilige, Held und Hammelherde. II. Ad Sanctos - Bei den Heiligen

  
Wo immer man in der Xantener Altstadt geht und steht, wird man die imposanten "Domtürme" erblicken.
(Wieso ich Ende November 2020 überhaupt in Xanten war, habe ich im ersten Blogpost dieser Reihe beschrieben; nach derzeitiger Planung werden jetzt noch -4- weitere Blogposts über meine Reise folgen.)

Der Name "Xanten" klingt seltsam für einen deutschen Ortsnamen - und tatsächlich ist er lateinischen Ursprungs.
Freillich hat seine Entstehung nichts (bzw. nicht direkt) mit der einstmals dort bestehenden Römerstadt "Colonia Ulpia Traiana" zu tun, sondern mit einem angeblichen oder tatsächlichen Märtyrergrab des Heiligen Viktor von Xanten (die Ortsangabe ist wichtig, weil es mehrere "Viktor"-Heilige gibt).
 
 
Diese ganzen Heiligen-Geschichten verschwinden im Nebel des spätrömischen Reichszerfalls. Wahrscheinlich sind es Fakenews; jedenfalls hat selbst der Vatikan "eine Anerkennung als Märtyrerstätte ..... zweifach wegen fehlender Beweisbarkeit verwehrt".


Fakt ist aber, dass unter dem heutigen "Dom" ein Doppelgrab mit zwei gewaltsam getöteten Männern aus dem 4. Jahrhundert liegt, und dass dieser Ort anscheinend schon damals eine gewisse religiöse Verehrung genoss, denn um sie herum entstanden weitere christliche Begräbnisstätten.
Spätere Zeiten (bzw. religöse Lügenpropagandisten - wie noch im späten Mittelalter z. B. beim Heiligen Nepomuk) haben daraus die Legende einer Thebaischen Legion gestrickt, die (sukzessive an verschiedenen Orten) das Märtyrertum erlitten habe.
Jedenfalls hielt man schon im frühen Mittelalter die dortigen Gräber für Märtyrergräber, deshalb der Plural "ad Sanctos" - bei den Heiligen. Was sichdann im Laufe der Jahrhunderte zu "Xanten" verschleifte.

Immerhin verdanken wir den alten Lügenmärchen (die man, wenn sie der Förderung des christlichen Glaubens dienen, nicht als "Fakenews" identifiziert, sondern als "fromme Legenden" verkleistert) den imposanten Pfarr- und ehemaligen Stiftskirche St. Viktor (in dieser kurzen Beschreibung überzeugend dargestellt). 
Besonders bemerkenswert ist auch die Erhaltung des Lettners (dieses Heft enthält einen wissenschaftlichen Aufsatz arüber) und die Fülle prachtvoller Altäre (die ich aus Zeitmangel und wegen der schummerigen Lichtverhältnisse im Dominneren nicht näher anschauen oder gar fotografieren konnte).
 
Wegen ihrer Größe wird sie (ähnlich wie z. B. der Frankfurter "Kaiserdom St. Bartholomäus") als "Xantener Dom" bezeichnet, obwohl dieser Begriff im strengen Sinne der Hauptkirche am Sitz eines Bischofs vorbehalten ist.
 
Eindrucksvoll überragt die Kirche den Xantener Marktplatz:
 
Im Mittelalter, und wohl noch bis zu seiner Auflösung 1802 war das Viktorstift sozusagen eine "Stadt in der Stadt".
(Zur Stadtgeschichte vgl., neben dem Wikipedia-Eintrag, auch diese Webseite, die "GenWiki" sowie die chronologische Übersicht auf der Homepage der Stadt. Die Domgeschichte ist u. a. auf der Webseite des Unterstützervereins dargestellt.)
 
Wie das räumlich aussah, zeigt diese Datei für die Zeit um 1500. (Über den in Schwarz Gang zum Meertoreingezeichneten konnten die Bewohner der Stiftsimmunität ihren Bereich verlassen bzw. betreten, ohne durch die Stadt gehen zu müssen. Auf einem Video mit einer Rekonstruktion der Bischofsburg sieht man diesen Gang von oben.)
 
Vielfältig verstreut über die ganze Stadt sind Informationstafeln wie diese hier:
 
 
Eine sehr alte Toranlage, die auch zwei Kapellen und die angebliche (zeitweise) Einsiedlerzelle des Heiligen Norbert von Xanten enthält (den wir schon aus meinem ersten Blogpost kennen), führt vom Marktplatz auf das Gelände der früheren Stiftsimmunität. (Auch diese Toranlage wurde im 2. Weltkrieg zerstört; die dortigen ottonischen Wandmalereien sind dadurch verlorengegangen):
 
 
 
Hier dieselbe Anlage von innen:

Bei deren Durchschreiten (vom Marktplatz kommend) eröffnet sich dieser atemberaubende Blick auf die imposante Domanlage:

Spielereisch-spätgotisch präsentiert sich das vielfach verzierte Südportal mit seinen zwei Kielbögen:

 
Dasselbe aus anderer Perspektive, nun auch den Blick auf den südlichen Domturm eröffnend (im Vordergrund das Gitter um die Kreuzigungsgruppe):
 

Die Südseite der Kirche insgesamt (in der Mitte im Vordergrund eine Kreuzigungsgruppe aus dem frühen 16. Jahrhundert):

 
Mächtige Strebebögen verteilen die statische Last von Langhaus und Langhausdach auf doppelte Strebepfeiler:


Und dämonische Wasserspeier wehren das Böse (und das Dachwasser) ab:

Die zweitürmige Westfassade mit ihrem riesigen gotischen Maßwerkfenster verschlägt uns den Atem. Ihre Wirkung gewinnt sie auch dadurch, dass sie einem recht großen freien Platz überschaut, während in der Regel Kirchen, auch Kathedralen, recht beengt ins städtische Gebäudegewimmel eingequetscht sind:

 
Eindrucksvolle Luftaufnahmen von Dom und Stiftsimmunität zeigt dieses von der katholischen Kirchengemeinde eingestellte Video.

Ehrensache, dass auch auf diesem Gelände, vor Viktor & Co., schon Römer wohnten und wirkten:
 
Vom Rathausgebäude aus, an der östlichen Seite des rechteckigen Markplatzes, eröffnet sich ein Blick über das Gartenhaus eines Stiftskanonikers aus dem 18. Jahrhundert auf die Domtürme:



Nachtrag
 
Eine Fülle von Informationen und Links über den Xantener Dom liefert der Blogpost "Gotische Kathedralen: der Xantener Dom – Open Data?" eines Wolfgang Ksoll aus dem Jahr 2012.


Diese Reihe besteht aus insgesamt -6- Blogposts (der jeweils vorliegende gefettet):
 

TEIL II

TEIL III 

TEIL IV 

TEIL V

 
 
ceterum censeo
Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 18.12.2020

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