Donnerstag, 26. April 2018

Siena, zum Zweiten!


Die obige Inschrift auf der Außenseite der Porta Camollia (Wikipedia) lautet:
COR MAGIS TIBI SENA PANDIT.
Eigentlich ist der Satz unvollständig; auf einem Stadtplanausschnitt, den man hier herunterladen kann, hat man ihn ergänzt um das, was man sich hinzudenken muss: "QUAM IANUAM". Denn die Inschrift selber sagt nur: "Weiter öffnet dir Siena sein Herz". Gemeint - und auf der erwähnten Karte ergänzt - ist "als [dieses] Tor". Also: Weiter als dieses Tor öffnet dir Siena sein Herz. (Vgl. auch die Erläuterung auf der Touristik-Webseite der Sieneser Stadtverwaltung.)

 
Erstmalig besucht hatten wir Siena im September 2016, und zwar von Chianciano Terme aus. Es handelte sich um die Busreise "Südtoskana" der Fa. Komm mit Reisen.


Dieses Mal waren wir mit derselben Firma (die uns im Vorjahr auch nach Umbrien gebracht hatte; vgl. diesen und mehrere weitere Blogposts) mit einer 4-tägigen "Schnupperreise Toskana" vom 19. - 22.04.2018 nach Montecatini Terme gefahren. Von dort aus ging es am 2. und letzten Aufenthaltstag nach Siena und San Gimignano. (Dort war die Zeit knapp und ich habe keine Fotos gemacht; aber dafür ein zwar teures, aber auch sehr gutes Eis aus der "Gelateria dell'Olmo" genossen).

Nachdem ich über unseren ersten Siena-Besuch seinerzeit einen sehr umfangreichen Blott mit einer Fülle von Links und Informationen verfasst hatte (Endlich haben auch wir Siena (nicht) gesehen!), kann ich mich hier hauptsächlich auf meine Fotoaufnahmen beschränken.
Es war von vornherein klar, dass wir wenig Zeit haben würden; gut drei Stunden waren es dann. Wir wollten nicht mit dem Stadtführer mutmaßlich auf dem uns bereits bekannten Weg wandeln und die uns schon bekannten Hauptsehenswürdigkeiten (Piazza del Campo und Dom von außen) erneut besichtigen. Es gibt zwar eine Menge anderer Attraktionen, die mich interessiert hätten: Die Fresken im Rathaus (Palazzo Pubblico), der Dom von innen (mit Krypta und die Taufkirche), das ehemalige Spital (Hospital, Altersheim, Waisenhaus und Pilgerherberge) und jetzige Museum Ospedale Santa Maria della Scala, der Botanische Garten (Orto Botanico), die Gemäldegalerie Pinacoteca Nazionale di Siena, das Oratorio di San Bernardino, den Gebäudekomplex Santuario di Santa Caterina usw.

Doch wir (meine Frau und ich) entschieden uns dafür, einfach nur durch die Straßen zu laufen. Bzw. hauptsächlich nur durch eine (und selbst die nicht ganz): Die Via di Camollia, denjenigen Teil der Hauptstraße von Siena, der zum nördlichen Stadttor führt (Porta Camollia; sehr ausführlich, auch zur Namensgebung, in der deutschsprachigen Wikipedia beschrieben). Durch dieses Tor betritt man auch die Altstadt, wenn man zu Fuß vom Bahnhof kommt.
Diese Hauptstraße war einst Teil der "Via Francigena", auf der u. a. die Pilger aus dem Norden nach Rom zogen.
Nicht vorher gelesen, aber bereits vermutet hatte ich, was der Stadtführer "Siena. Der gotische Traum" (Originaltitel: Siena il sogno gotico) über die Via Camollia berichtet (2. Aufl. 1997, S. 179):
"Die Straße wird von einer Reihe mittelalterlicher Gebäude umgeben, von denen die meisten fast vollständig umstrukturiert wurden. Manchmal sind aber noch ehemalige stilistische Elemente und unverwechselbare Formen erkennbar."

Speziell diese Elemente, insbesondere gotische Spitzbögen (meist zugemauert) haben mich fasziniert und habe ich geknipst:


Doch mussten wir zunächst einmal vom Halteplatz der Touristenbusse an der stadtabgewandten Seite der Mediceer-Festung Santa Barbara (die Festung auf der Touristik-Webseite der Stadt) in die Stadt kommen.

Vielleicht vermittelt es eine Vorstellung von den Ausmaßen der Festungsanlage wenn man weiß, dass dies die Außenmauer nur von einer der vier Eckbastionen ist:
Aufgenommen habe ich sie von der Rückseite des Café-Kiosk "Il Leccio" (Steineiche) aus, wo wir zweimal - auf dem Hinweg und auf dem Rückweg - einen Espresso tranken. (In Zeiten von Don Drucki Draghi sollte man sich vielleicht die Preise merken: 1,- €. Ansonsten haben wir zwischen 1,20 und 0,90 € für dieses italienische Kultgetränk bezahlt: Selbst auf der Autobahn war er nicht teurer).

Die Bastionen haben übrigens auch Namen, jedoch ist es verdammt schwierig, diese herauszufinden. Drei immerhin sind auf der hier von dem Blogger "Trampingman" fotografierten Erklärungstafel aus der Festung genannt; vorliegend haben wir es mit der Bastione San Filippo zu tun. (Der Bushalteplatz - parken dürfen die Touristenbusse dort nicht - liegt zwischen den Bastionen Madonna - im Südwesten - und San Filippo im Nordwesten.) Den Namen der vierten, mit der "Scuola Achille Sclavo" (im Plan mit Nrn. 4 + 6 bezeichnet), entlockte ich der Webseite der Grundschule, die in Gebäuden auf der Bastion untergebracht ist: San Francesco heißt sie (s.a. hier). (Nicht San Filippo, wie eine geologische Untersuchung irrtümlich meint.) (Die vierte, südöstliche, ist San Domenico: logisch, weil sie auf diese Kirche zeigt.) Zwischen San Francesco und San Filippo liegt der Eingang zur Festung.

Nachfolgend ein Blick in den inneren Winkel der Bastion San Filippo (aus Richtung Bastion San Francesco). Die großen Fenster wurden vermutlich erst in neuerer Zeit herausgebrochen; für Verteidigungszwecke wären die äußerst unzweckmäßig gewesen. Später aber beherbergten zwei der vier Bastionen (San Francesco und San Filippo, zu beiden Seiten des Eingangs; vgl. auch diesen Blogpost, der über eine Sonderveranstaltung in den ehemaligen Enoteca-Räumen berichtet) die "Enoteca Italiana", die Vinothek italienischer Weine. Über deren frühere Aktivitäten informiert z. B. diese englischsprachige Webseite.
Mittlerweile musste sie ihre Aktivitäten jedoch einstellen (und ist insolvent?). Das Unternehmen war ein irgendwie öffentliches (Geschichte), das wohl der Stadt und der Provinz Siena gemeinsam gehörte (jedenfalls haben beide Körperschaften über die Schließung entschieden). Die Webseite ist gegenwärtig noch online und sie informiert noch immer über die früher weltweiten Aktivitäten des Unternehmens zur Bewerbung der italienischen Weine. (So hatte man z. B. 2013 einen zweibändigen Weinatlas Italiens herausgegeben.) Aber der Bericht "L’ENOTECA ITALIANA E' MORTA, VIVA L'ENOTECA ITALIANA" vom 20.08.2018 (der letzte auf der Seite) kündet vom traurigen Ende des Unternehmens. (Derselbe Artikel ist auch auf der ebenfalls noch bestehenden Facebook-Seite eingestellt; dort kann man auch eine automatisierte Übersetzung lesen.) Das deckt sich mit der Information auf der Webseite "Trip Advisor", wo eine Tatjana A. unter dem 13.03.2018 eingetragen hatte: "Diese Weinhandlung hat leider für immer zu. Das hat uns zumindest ein Einheimischer erzählt .....". Schade, denn wenn man über die Google Bildsuche die Fotos anschaut, müssen die Kasematten in den Festungsbastionen einen sehr stimmungsvollen Rahmen für eine Weinverkostung geboten haben. Dieser Bericht vom 22.10.2017 kündigt die Schließung an und führt sie darauf zurück, dass die Bank "Monte dei Paschi di Siena" aus der Finanzierung ausgestiegen sei. (In meinem früheren Blogpost über Siena hatte ich einiges über diese Bank und deren finanzielle Schieflage berichtet.) Später war dann, wie man einem Bericht von Radio Siena vom 23.06.2017 entnehmen kann, die Region Toskana mit einer Millon Euro eingesprungen, aber auch dieses Geld hielt offenbar nicht lange vor. Schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung standen drei Monatsgehälter der Beschäftigten aus. Weitere Informationen für evtl. Interessierte: Der Täg von Radio Siena führt zu den einschlägigen Berichten. Ende Oktober hatte der Stadtrat die Auflösung des Unternehmens beschlossen (mit den üblichen Begleitgeräuschen: politischem Streit über die Verantwortlichkeiten und potemkinschen Hoffnungsdörfern auf und Projekten für einen neuen Anfang). Ende März diesen Jahres wurden die letzten 7 Beschäftigten entlassen (s. a. hier). Weitere Informationen über die Hintergründe des Niedergangs der Firma liefert dieser Bericht. Im Jahr 2013 gab es auch eine Untersuchung über Unregelmäßigkeiten bei der Enoteca (zusammenfassend hier). An die Glanzzeiten erinnert dieser Artikel vom 31.10.2017.

Die ehemalige Enoteca Italiana in Siena darf nicht verwechseln mit einer privaten deutschen Firma gleichen Namens in Regensburg!

Dieselbe Bastion San Filippo, hier vom Bushalteplatz aus (also aus Richtung der Bastion Madonna).



"Kunst am Bau" gab es damals schon - an der Bastion San Filippo .....

..... und ähnlich an der Bastion San Francesco. Die Kugeln ("Palle") sind das Wappensymbol der Medici-Familie.


Durch die Parkanlage "La Lizza" (eine Verschleifung aus der ursprünglichen Bezeichnung "Cavallerizza" nach dem dortigen Übungsplatz der Kavallerie) gingen wir dann in Richtung der Porta Camollia, die mein eigentliches Ziel war.

Unterwegs erhaschten wir immer wieder Blicke auf den Dom und auf den Glockenturm (dann auch auf die Kirche) San Domenico:
 

 
 


Schon imposant, wie das Kirchenschiff das Häusermeer dominiert .....

..... und dabei hatte man geplant und damit angefangen, eine noch weitaus größere Kirche zu bauen. Auf deren einen fertiggestellten Bogen klettern heute die Touristen, um von oben einen Blick auf Stadt und Domschiff zu werfen:


Auch der uralte Rathausturm, der Torre del Mangia, zeigt sich kurz:

Keine Ahnung, was dieses Gebäude, das jetzt Wohnzwecken dient, ursprünglich war. Sieht mir wie eine Kirche aus; konnte aber keine Informationen darüber finden:

 
 
Diese Gedenktafel ist Arrigo Boito gewidmet, "der aus der Poesie Musik machte und aus der Musik eine Welt der Harmonien, die zwischen dem irdischen Jammertal und der geheimnisvollen Sternenzelt des Himmels schwebte". So in etwa: Die Italiener können ganz schön sülzen. Bzw. ihrer Großen mit großen Worten gedenken. Vermutlich war Arrigo Boito hier untergebracht, vielleicht gehörte auch dieses Gebäude der Chigi-Familie, die ihren Palast jedoch im Stadtzentrum hatte, wo er heute die vom letzten des Geschlechts, dem Conte (Grafen) Guido Chigi Sarracini gestiftete Musikakademie "Accademia Chigiana" (Wikipedia) beherbergt. Im Gebäude unten sind jetzt die Sieneser Zivilgerichte untergebracht.
 
 
Ohne es zu wissen, bewegten wir uns die ganze Zeit über im Bereich der "Sovrana Contrada dell'Istrice", also der "Souveränen Stachelschwein-Contrade" (von allen Karten, die ich im Internet finden konnte, zeigt diese schon ältere Karte die Contradengrenzen am genauesten an; ansonsten s. z. B. hier). Der Zusatz "Sovrana" ist ein Ehrentitel, der ihr 1980 vom Großmeister des Malteserordens verliehen wurde.
 
Und das Contradensymbol ist - das Stachelschwein!
 
 
Die Hauptstraße Sienas datiert aus dem Mittelalter und ist dem entsprechend eng:
 
Einige weitere Fotos der Hausfassaden: 
 
 

Endlich auf der Piazza Guido Chigi Sarracini an dem Stadttor Porta Camollia angekommen, sah ich diesen Mercato Rionale (Stadtteilmarkt). Informationen über dessen Geschichte (der Markt ist schon seit Jahren geschlossen) enthält die Ausgabe Nr. 5/6 vom Oktober 2017 der in unregelmäßiger Folge, aber mehrfach im Jahr erscheinenden Zeitschrift "L'Aculeo".
Der Name bedeutet "Der Stachel" und bezieht sich auf das Stachelschweinsymbol der herausgebenden "Contrada Sovrana dell'Istrice". D
anach wurde der Markt 1988 stillgelegt und wurden 1992 die Räume des unteren Teils an die Contrada vermietet: "1992, dopo una completa ristrutturazione, i locali della parte inferiore furono dati in gestione alla Contrada". (Man muss also vermuten, dass das Gebäude an einem Hang liegt und noch ein hier nicht sichtbares Untergeschoss hat.)

Und nun Tusch und Vorhang auf für die Innenseite der Porta Camollia, deren äußere Fassade ich oben am Anfang gezeigt hatte:

Auf dem Rückweg noch einen Blick in die enge Via Camollia .....
 
...... und auf den Glockenturm des Doms:


Bevor wir zum Haltepunkt unseres Reisebusses zurückkehren mussten, war noch Zeit für einen Espresso - doppio. Wiederum in Bar Il Leccio.



ceterum censeo
Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 26.04.2018

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