Samstag, 28. April 2018

Montecatini Terme (Toskana): Ein krankes Heilbad aus der Belle Époque


Sie möchten gerne wissen, was das ist? Tja: Dann werden Sie meinen Text wahrhaftig  lesen müssen.



Dies jedenfalls war das (Drei-Sterne-)Hotel "Brennero e Varsavia" (Brenner und Warschau), in welchem wir für unsere "Schnupperreise Toskana" (darüber mehr im Blott "Siena, zum Zweiten!") drei Nächte lang untergebracht waren:
 
Am 2. Tag der Fahrt (also dem ersten von - leider nur - zwei Aufenthaltstagen) bummelten wir zunächst durch die Stadt und fuhren dann mit einer alten Standseilbahn hoch zum mittelalterlichen Kern, über 250 m höher auf zwei Hügeln gelegen. Über "Montecatini Alto" wird mein nächster Blott berichten; hier ist der Kurort das Thema.
Seine große Zeit hatte er vor dem Ersten Weltkrieg und dann auch wieder in den 20er Jahren. (... "in 1926 an attendance of 75,000 non residents was recorded in the city, a remarkable figure for that time" informiert die englischsprachige Wikipedia.)
Über die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet die italienischsprachige Wikipedia wie folgt:
"1958 lo stato si riappropria delle terme simboleggiando una seconda fase con la ricostruzione delle terme Redi e Excelsior. Montecatini in quegli anni è frequentata da persone importanti, nobili, persone del mondo dello spettacolo e della politica.
Nel 1970 le terme rimangono aperte tutto l'anno, però da quel momento si ha un lento declino; fino ad oggi, in cui la moda delle terme è nettamente ridimensionata."
Zusammenfassend übersetzt: 1958 übernahm der Staat die Thermen; in den 60er Jahren kamen noch berühmte Persönlichkeiten in die Stadt [in das Bürgersteigpflaster sind entsprechende Gedenkplaketten eingelassen; leider habe ich keine fotografiert], ab etwa 1970 ging es dann - bis heute - langsam bergab mit den Besuchern.
 
Aus den alten Glanzzeiten haben sich aber noch eine Reihe von geschmackvollen Gebäuden erhalten; die folgenden Aufnahmen stammen aus der Viale Alessandro Manzoni, zwischen der Viale Alessandro Bicchierai (dort war unser Hotel) und der zentralen "Viale Giuseppe Verdi": 
 
 
 
 
Im Zentrum zeigt sich Umweltbewusstsein:

Den Eingang zum Kurpark schmückt der neobarocke (alte) Bauteil der Terme Excelsior:
 
 
 
 
 
Die Baustelle hinter den Terme Leopoldine für ein geplantes Thermalschwimmbad, liegt seit 7 Jahren still: "..... le [terme] Leopoldine, il cui cantiere per la piscina termale è fermo ormai da 6 anni" erfahren wir in dem Zeitungsartikel "Terme in vendita: anche lo stabilimento Grocco va sul mercato, ma presto toccherà alla Spa" vom 01.04.2017.
Gleich mehrere Thermen bzw. Trinkhallen sollen privatisiert (bzw. die Gebäude an Private verkauft) werden, darunter auch die Excelsior (s. o.) und die "Torretta", die zuletzt eine Diskothek war und seit Jahren im Verfall begriffen ist.
Die Bäder werden bzw. wurden (hier und in zwei anderen Orten) offenbar von der Region Toskana betrieben, die nunmehr überlegt, die Bädergesellschaften gleich ganz zu privatisieren: "Sul tavolo la dismissione delle tre terme pubbliche (Montecatini, Chianciano e Casciana) da parte della Regione" heißt es in einem Zeitungsartikel vom 18.03.2017.
 
Die Webseite "Montecatini Benessere" ist ziemlich hinter dem Mond; aber dadurch erfahren wir immerhin, welche hochfliegenden Pläne hier offenbar gescheitert sind:
"..... il 2015-16 sarà celebrato come l’anno della rinascita di tale stabilimento a livello mondiale, tra le più grandi piscine termali d’Europa 2.500 mq. circa dedicati completamente alla balneoterapia, il bagno romano più grande al mondo e la riscoperta delle acque come elemento naturale dell’uomo per la sua salute. ..... Il Parco Termale e le piscine termali, rivoluzionerà completamente la città termale, offrendo ai suoi clienti una offerta termale al top in Italia per qualità ed imponenza ..... ." Bis 2015/2016 wollte man also das Schwimmbad fertiggestellt haben, als eines der größten Europas mit ca. 2.500 m² und damit wieder zur italienischen Spitzenklasse aufschließen. Satz mit X. Eigentlich schade; denn der Ort ist wirklich sympathisch. Wenn jemand richtig Geld in die Hand nehmen würde, vielleicht hundert Millionen oder so, den ganzen Plunder (einschließlich des weiter rechts außerhalb des Bildes gelegenen Einrichtung "Stabilimento Grocco" (das hier zum Verkauf angeboten wird) und ein großes Spaßbad bauen, mit Wellenbad usw.: DAS könnte den Tourismus vielleicht wieder beleben.
 
Bis dahin müssen die Kinderlein kommen, um die Hotelbetten zu füllen - und vielleicht eines Tages als erwachsene Touristen zurückzukehren. Ein Frühlingsfestival mit Schulchören brachte eine Menge junges Volk in die Stadt - und für uns eine etwas unruhige Nacht.

Originell im mittelalterlichen Stil wurde die Terme Tamerici erbaut, benannt nach den früher dort wachsenden Tamarisken. Aber das ist natürlich imitiertes Mittelalter; da gibt es in Italien sehr viel sehenswerteres RICHTIGES Mittelalter. Auch sie ist nicht mehr als Trinkhalle aktiv, sondern wird nur noch gelegentlich für Veranstaltungen genutzt.
 
 
Prunkvoll wie eine Schlossanlage des Absolutismus ist die Terme Tettuccio, die einzige, der in der (italienischsprachigen) Wikipedia ein eigener Eintrag gewidmet ist (Innenaufnahmen). Dort erfahren wir auch, dass sie in der vorliegenden Form erst in den zwanziger Jahren erbaut wurde: "Nel 1916, l'architetto fiorentino Ugo Giovannozzi, presentò un progetto di ristrutturazione dell'intero complesso. Tale progetto, impostato sul concetto delle terme romane, sarà portato a termine nel 1928." (Woraus wir auch folgern dürfen, dass die große Zeit des Kurbetriebes damals noch andauerte, bzw. nach dem ersten Weltkrieg noch einmal zurückgekommen war.)
 

 
 
Ein Blick auf die Rückseite:

Dieses Foto habe ich von der anderen Seite, der Viale Armando Diaz aus, geschossen:


Zwischendurch zeigt sich im Dunst immer wieder das alte Montecatini Alto (das "Hoch-Montecatini"), das es sogar zu einem Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia gebracht hat:
 
Für eine ausgiebige Besichtigung des Kurparks hatten wir keine Zeit; wir wollten ja noch nach Montecatini Alto hoch. Dieser Schnappschuss muss also als Erinnerung genügen:

Schatten-Spiele an der Rückseite eines verfallenden Hauses:
 
Diesen Zaun sollte man besser nicht überklettern:
 
Wem in Montecatini die Zeit zu lang wird, hat hochattraktive Reiseziele gleich in der Nähe (auch Prato gehört dazu und, etwas weiter, Florenz auf der einen und Pisa auf der anderen Seite): 
 
 
Das prächtige Rathaus macht in moderner Kunst. Anders als Baden-Baden hat Montecatini wohl keinen so großzügigen Sponsor wie den Frieder Burda gefunden.
Eine Kunstakademie "Dino Scalabrino", hier  und dort unter der Viale Diaz verzeichnet, wo sie auch der oben erwähnte Baedeker-Plan noch verortet, wurde anscheinend später zur Via Ugo Foscolo verlegt und ist wohl geschlossen. Im Internet jedoch steht die Galerie noch als virtuelles Museum zur Verfügung; aber das hilft natürlich nicht, Touristen anzulocken.
 
Das Gebäude der Kurverwaltung ("Amministrazione delle Terme") in der Viale Giuseppe Verdi ist mit Frauenbildern im Jugendstil ("Art Nouveau, noto in Italia anche come stile floreale, stile Liberty o arte nuova") geschmückt:
 
 
Fast hätte ich es vergessen: Ihnen die Auflösung des Eingangsrätsels zu geben. Obwohl Sie mir doch nur deshalb bis hierher geduldig gefolgt sind!
Es handelt sich um zusammengeklebte und eiförmig ausgeschnittene Pappen, die auf den Tischen eines Hotels in der Via Fedele Fedeli als Dekoration aufgestellt waren. (Nebenbei vermerkt: Einige italienische Stadtpläne verzeichnen diese Hotelgebäude gar nicht; dort ist alles schöner grüner Park. Verlässlicher ist eine (wohl ältere; aber die Gebäude sind auch nicht neu!) Baedeker-Karte; und erst recht der Geoplan-Stadtplan (deutsche Wertarbeit halt! ).
 
 

Nachtrag 29.04.2018
Für uns zur Erinnerung, für Leser zur Information:
- In der Via Pietro Grocco, ziemlich am (kurparkseitigen) Ende der Viale Giuseppe Verdi, gibt es ein reichhaltiges Angebot an Souvenirs (nicht nur Nippes, sondern durchaus auch Verwendbares: T-Shirts, Schürzen, Lederartikel, Modeschmuck .....) in den dortigen Läden bzw. den dort aufgestellten Einkaufsbuden. Dieser Markt erstreckt sich mit Buden am Ende der Via Pietro Grocco zu beiden Seiten ein Stück weit in die Via della Salute. (Wir selbst haben ihn am Abend unser Ankunft, also am 19.04., besucht - und auch dieses oder jenes Erinnerungsstück eingekauft.) (Leider habe ich keine Aufnahmen gemacht; aber zwei Fotos von diesem Markt enthält ein auch sonst gut bebilderter Blogpost von "Globetrotter-Fotos".)

- In der Buchhandlung Mondadori, am stadtseitigen Anfang der Viale Giuseppe Verdi, fiel mir das Fehlen von Literatur über Montecatini auf. Vielleicht habe ich das entsprechende Angebot auch nur übersehen (weil ich ohnehin nichts kaufen wollte, habe ich nicht nachgefragt). Aber so etwas sollte doch gleich am Eingang ausliegen - wenn es denn eine Nachfrage dafür gibt.

- Wem die italienischen Karten zu ungenau sind, der kann sich auch - antiquarisch natürlich nur - die Deutsche Heereskarte Montecatini Terme + Serravalle Pistoiese kaufen, von 1944.  (Man sollte sich dann allerdings nicht von Italienern damit erwischen lassen: Das kommt vielleicht nicht so gut. Die Deutschen Truppen haben in der Toskana einige ungute Erinnerungen hinterlassen.)

 
ceterum censeo 
Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 29.04.2018

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