Samstag, 17. September 2016

Endlich haben auch wir Siena (nicht) gesehen!

  
  
(Was dieses Foto zeigt, wird erst am Schluss verraten! ;-) )
 
 
Wochenlang hatte ich mich vorbereitet, auf unsere (allzu) kurze Bustour nach Chianciano Terme, von wo aus wir Ausflüge nach Siena machen würden und nach weiteren Orten: Montepulciano und Pienza sowie Arezzo, Cortona und Orvieto).


Dass wir den berühmten Dom von Siena auch im Inneren besichtigen würden, war für mich selbstverständlich, und besonders freute ich mich darauf, den berühmten Mosaikfußboden zu sehen. Der ist normaler Weise großenteils durch eine Bretterauflage geschützt und somit nur zu einem Teil sichtbar; aus Anlass des Heiligen Jahres ist er in diesem Jahr 2016 jedoch für längere Zeiträume vollständig zu besichtigen.
 
Dass uns für die Pinacoteca Nazionale (die staatliche Gemäldegalerie, deren Prospekt mit Grundriss ich mühsam zu finden fand) keine Zeit bleiben würde, war uns klar. Und auch nicht für den Orto Botanico (Botanischer Garten; Fotos, Beschreibung - ital. - und Plan auf dieser, auch sonst informativen, Webseite für Urlaub auf dem Bauernhof La Torretta).
 
Aber ganz bestimmt würden wir uns den berühmten Freskenzyklus (Wikimedia Commons, Web Gallery of Art; Bücher über) von Ambroggio Lorenzetti (Wikipedia) über die gute und schlechte Regierung im Palazzo Pubblico anschauen. Man muss ja, als schlichter Touri, nicht gerade eine Dissertation drüber schreiben. (Oder lesen; obwohl zumindest im 1. Teil "UMFELD, BESCHREIBUNG UND FORSCHUNGSSTAND" die Kapitel "1. Siena im frühen 14. Jahrhundert", "2. Ambrogio Lorenzetti" und "3. Die Beschreibung des Freskenzyklus" interessante Informationen über das damalige Siena und den sachlichen Inhalt des Zyklus verheißen.)

Die Frage im Vorfeld war eigentlich nur, was wir in der verbleibenden Zeit unternehmen sollten: Einen Blick in die Stadtbibliothek werfen? Die Bauten rund um das Geburtshaus der Heiligen Katharina von Siena ("Santuario di Santa Caterina") anschauen?

Oder doch lieber den "Complesso museale" im einstigen "Ospedale Santa Maria della Scala", einem gigantischen Gebäudekomplex gegenüber vom Dom besuchen, welcher auf der Touristikwebseite der Gemeinde ("enjoysiena") als "drittwichtigste Sehenswürdigkeit und Attraktion in Siena, nach dem Palazzo Pubblico und dem Dom" beschrieben wird?
Dessen hochinteressante Geschichte wird auch in der deutschsprachigen Wikipedia relativ ausführlich abgehandelt und ebenso natürlich das, was in dem Museum (Homepage) zu besichtigen ist.
"Der Name des Gebäudes bezieht sich im ersten Teil (Santa Maria) auf den der Santa Maria Assunta geweihten Dom, der zweite Teil (della Scala) auf die zum Dom führende Treppe vor der Hauptfassade des Gebäudes" heißt es im Wikipedia-Eintrag; diese Treppe, immerhin, haben auch wir gesehen:
 
 
(Das Portal und die Säule sind Teile einer Domerweiterung, die im 14. Jahrhundert begonnen, aber nicht vollendet wurde. Die Einstellung wird auf die wirtschaftlichen Folgen der großen Pestepidemie von 1348 sowie auf statische Probleme mit dem Untergrund zurückgeführt.)
 
Nun, in der Realität kam dann alles ganz anders: Etwa vier oder fünf Stunden sind wir durch die Stadt gestolpert, dann mussten wir schon wieder zurückfahren. Um abends noch den alten Teil unserer Unterkunftsstadt Chianciano Terme zu besichtigen: Auch ganz nett (italienische Texte, aber auch zahlreiche Fotos hier und dort); aber ich hätte es definitiv vorgezogen, mehr Zeit für Siena zu haben.
 
Immerhin: Schaden wird es mir sicherlich nicht, mich etwas intensiver mit der Geschichte des Hospitals (das übrigens nicht das einzige im alten Siena war) auseinandergesetzt zu haben.
Noch bis in die 90er Jahre des 20. Jh. hatte das Gebäude als Krankenhaus gedient (einige Angaben zur Umwandlung auf der Museumsseite). In früheren Zeiten waren die verschiedenen Funktionen sozialer Fürsorge weniger ausdifferenziert; in einem "Ospedale" (oder in Deutschland, einem Spital) wurden nicht nur Kranke gepflegt, sondern, je nachdem, auch Alte und Waisen versorgt. In Siena kam als weitere Aufgabe die Beherbergung von Pilgern hinzu, denn durch diese Stadt verlief die "Via Francigena", ein mittelalterlicher Pilgerweg von England durch Frankreich, die Schweiz (dieser Teil wird hier ausführlich beschrieben) und Nord- und Mittelitalien nach Rom.
[Die an dieser Strecke liegenden Orte lassen sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen, Euro-Knete für ihre Tourismusförderung locker zu machen und haben sich zu einer Gemeinschaft vereinigt. Neben deren Webseite "viefrancigene.org" besteht eine Webseite unter "http://via-francigena.com/". Die nennt im Impressum einen "EUROVIA – Wege für Menschen – Verein zur Verbreitung eines modernen Pilgergedankens" als Betreiber, scheint aber nicht sonderlich aktiv zu sein. Immerhin gibt sie ausführliche Informationen über "Behandlung von Blasen beim Pilgern", die ja vielleicht auch gewöhnlichen Wanderern helfen. ;-) ]
Der Funktion des Ospedale Santa Maria della Scala als Pilgerherberge verdanken wir die vielleicht größte Attraktion dieses Multi-Museums, die Fresken im "Pellegrinaio", also der Pilgerunterkunft. Auch die kann man, in der italienischsprachigen Version der Wikipedia und z. B. in den Wikimedia Commons, online besichtigen. (Aber das dauert, mit Lesen, noch länger als eine "Autopsie" vor Ort; drum muss ich selber aus Zeitmangel vorerst davon absehen.)
[Das "Trekking Urbano", Stadtwandern also, ist momentan anscheinend die große Mode in Italien. Entsprechend wurden - oder werden noch - auch für Siena geführte Exkursionen auf dem städtischen Teil des Pilgerweges angeboten.]
 
Eine kurze Information über das Ospedale gibt, nicht in ihrem deutschsprachigen Teil, aber immerhin auf Englisch, die kommerzielle Webseite "SienaViva". Ebenfalls auf Englisch ist der knappe (3 Seiten), aber vorzüglich konzise Aufsatz "The Hospital of Santa Maria della Scala, Siena, 1090-1990", den ein gewisser J. H. Brown 1990 verfasst hat.
 
Gabriella Picinni ist Professorin an der Universität Siena. Für die Bewerbung Sienas als Kulturhauptstadt Europas hatte sie ein interessantes Projekt vorgeschlagen, unter der Bezeichnung "Senae virGO". Das war ein "progetto ambizioso che possa riportare virtualmente tutte le opere del gotico senese, attualmente sparse per il mondo, in un’unica sede virtuale", also ein ehrgeiziger Plan, um die in den Museen der Welt verstreuten Kunstwerke der Sieneser Gotik in einem einzigen Raum - nämlich der virtuellen Welt des Internets - wieder zusammenzuführen.
Nachdem allerdings die Bewerbung Sienas als eine (von jeweils zweien) "Kulturhauptstadt Europas 2019" scheiterte (für Italien wurde das Matera im tiefen Süden; die zweite ist Plovdiv bzw. Plowdiw in Bulgarien), dürfte dieses Projekt vorerst gestorben sein.
Auf ihren Namen und ihre Arbeiten zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (die man großenteils herunterladen kann) kam ich über ihren Aufsatz "Documenti per una storia dell’ospedale di Santa Maria Della Scala di Siena". Darin schreibt die Professoressa Picinni über einen für Historiker besonders faszinierenden Aspekt der Hospitalgeschichte, nämlich das für sehr weit zurückgehende Zeiträume weitgehend komplett erhaltene Archiv. Und hier wiederum speziell über einen Aspekt, der auch im Mittelalter sicherlich nicht zum normalen Arbeitsgebiet der Hospitäler zählte: Den Bankbetrieb.
Der Ursprung dieses "Geschäftszweiges" lag anscheinend darin begründet, dass die Pilger hier Gelder hinterlegten, bevor sie nach Rom weiterreisten. (Das war sicherlich sinnvoll; so schützten sie sich für diese Wegstrecke vor Beraubung, und in Rom vor der Versuchung, ihren letzten Groschen dort auszugeben, indem sie ihr Geld für die Rückreise in Siena aufbewahren ließen.)
Die "Einzahlungsbücher" des Ospedale enthalten nicht nur Informationen über die verschiedenen Währungen (z. T. aus weit entfernten Heimatländern der Pilger), die hier deponiert wurden. Sondern auch genaue Angaben über Herkunft und Aussehen der Geldhinterleger. Der Aufsatz führt das nicht in allen Einzelheiten aus; aber wenn z. B. Ritter Raufbold aus Schwangau im Jahr 1400 nach Rom pilgerte und in Siena Geld deponierte, wurde er in den Büchern etwa so beschrieben: "Kommt aus Bayern/Tirol/Schwaben (wo immer die sich damals regional zugehörig gefühlt haben mögen), hat blaue Augen, blondes Haar, große Nase und Warze an der rechten Hand."
Anhand dieser Daten wurde bei der Rückkehr der Anspruchsinhaber ermittelt, denn Sparbücher gab es noch nicht. Und heute können die Historiker ermitteln, wer nach Rom gepilgert ist und sich vorm Wehrdienst im kaiserlichen Heer gedrückt hat. ;-)
Das bereits 2003 gemeinsam mit der Mailänder Numismatikerin professoressa Lucia Travaini verfasste Buch "Il Libro del pellegrino (Siena, 1382-1446). Affari, uomini, monete nell’Ospedale di Santa Maria della Scala" (Webseite Travaini; Amazon) dürfte im Detail über alle diese Dinge informieren; aber weder meine Zeit noch meine Italienischkenntnisse reichen aus, um in diese zweifellos faszinierende geschichtliche Episode einzutauchen.
 
Online (und gratis) verfügbar sind die Beiträge zu dem Band "Arte e assistenza a Siena" und darin der Aufsatz "L'ospedale e il mondo del denaro" von Prof. G. Picinni. Aber um solche Texte im Detail zu verstehen, muss ich ständig im Lexikon nachschlagen. Das habe ich zwar bei dem obigen Aufsatz noch gemacht, doch auf die Dauer ist mir das zu mühsam bzw. zeitraubend.
 
Ein breiter angelegtes Werk, erschienen 2011, ist "DENTRO L ANTICO OSPEDALE" der an der Universität Siena tätigen Beatrice Sordini.
Dass es sich um einen opulent illustrierten Prachtband im Großformat handeln muss, lässt sich nicht nur daraus erschließen, dass seine 382 Seiten satte 2 Kilogramm auf die Waage bringen. Sondern auch aus dem Umstand, dass das Buch von der "Fondazione Monte dei Paschi di Siena" gesponsert und diese Tat gebührend gefeiert wurde. (Hier eine Inhaltsangabe auf der Stiftungswebseite.) (Bei Amazon ist das Buch nicht verfügbar; hier ist es noch lieferbar, für 40,- €. Diese Buchbesprechung referiert interessante Einzelheiten aus dem Inhalt.)


Die Erwähnung der Stiftung führt uns zu einem anderen, brandaktuellen Thema, nämlich der in Schwierigkeiten geratenen Sieneser Großbank Monte dei Paschi di Siena. Die ist momentan ja sogar in der deutschen Presse gelegentlich präsent. [Ich habe mir fast einen Wolf angelesen bei dem Versuch, wenigstens einen ersten Überblick über die Schieflage der Bank und deren Hintergründe zu bekommen ;-) ]

Aber zunächst einmal zu der oben erwähnten "Fondazione" (Stiftung). Die residiert im prachtvollen Gebäude des Palazzo Sansedoni an der Piazza del Campo, also dem Hauptplatz von Siena, den natürlich auch wir gesehen haben:

(Gar so alt, wie das Gebäude aussieht - und wie die Webseite "Cityrundgang" suggeriert -, ist es in seiner heutigen Form aber gar nicht: "..... the palazzo took on the appearance it has today after refurbishments carried out in the 18th century" erfahren wir bei "SienaOnline", einem zwar kommerziellen, aber außerordentlich informativen Touristikportal für die Stadt. Und entsprechend in der italienischen Wikipedia: "La maestosa facciata in laterizio risale a una ristrutturazione settecentesca in stile gotico".)

Das Stiftungsvermögen bestand weitestgehend aus Anteilen an der Bank MPS. Der Eintrag in der italienischen Wikipedia ist etwas Wischiwaschi. Knallhart recherchiert haben dagegen die Autoren der englischsprachigen Version (meine Hervorhebung):
"The foundation was the major shareholders of BMPS [das "B" steht für "Banca", also Bank]. ..... In 2014, the foundation sold most of the stake it hold (3,621,277,308 for about €0.2352 per share). ..... As at 31 December 2014 the foundation had a total assets of €664,776,767 (dropped from €1,205,497,787 in 2013), with the shares of BMPS was valued at €85,864,810 (12.91% of total assets; €0.67128 per shares times 127,912,863)."
Mit anderen Worten: Das Stiftungsvermögen wurde im Jahr 2013 mal eben halbiert.
Die Fettlebe für die Stiftung (und damit letztlich für die Stadt Siena), deren Einnahmen beispielsweise 2006 zu 40% aus Dividendenausschüttungen der MPS-Bank bestanden und die anderweitig noch höhere Erträge  hatte ("Between 1996 and 2010, the MPS foundation spent nearly 2 billion euros", also im Durchschnitt ca. 130 Mio. pro Jahr - für eine Stadt von ca. 60.000 Einwohnern!) war allerdings schon früher zu Ende.
Weitere Einzelheiten erfahren wir beispielsweise in den Berichten "Das Fiasko von Siena", SpiegelOnline vom 06.08.2012 oder "Der tiefe Fall des schönen, reichen Siena", WELT 11.02.2016, wo der neue Stiftungsdirektor Davide Usai zitiert wird: "Habe die Stiftung früher 120, 130, ja sogar 200 Millionen Euro im Jahr über Stadt und Provinz regnen lassen, so werde sie 2016 gerade einmal drei Millionen Euro für gute Zwecke aushändigen. Von hundert auf quasi null in fünf Jahren. 'Das ist ein Schock für die Stadt'.“

Wie so oft, waren auch hier die Kassandrarufe einiger Vernünftiger überhört worden.
Dazu die WELT: "Die Gefahren des Modells Siena erkannten einige in der Stadt. Die Courage, sie öffentlich zu benennen, hatten indes nur wenige. In Siena stehen die Häuser dicht an dicht, die Gassen sind schmal und verwinkelt. Jeder kennt hier jeden. Und jeder kennt mindestens einen, der bei der Monte dei Paschi arbeitet. Die Presse ist zahm. Wer Kritik ausspricht, wird schon fast der Ketzerei bezichtigt. 'Der Häretiker', nennt sich Raffaele Ascheri deshalb. Ascheri, im Hauptberuf Lehrer für Italienisch, ist ein Blogger, der schon seit Langem die Missstände anprangert."
Der "Eretico di Siena" tritt in gewisser Weise eher in die Fußstapfen der Heiligen: Denn wie beispielsweise San Bernardino da Siena (Sankt Bernhardin von Siena) oder die Santa Caterina da Siena (die Heilige Katharina), prangert er die Missbräuche der Mächtigen an.
Echte Ketzer hat Siena allerdings ebenfalls hervorgebracht: Bernardino Ochino, über den wir erfahren: "Er war ein eigenständiger Denker, nonkonformer Schreiber und kritisierte auch Ungereimtheiten und Missstände im reformierten Genf und Zürich". (Ketzerprozesse gab es aber freilich schon 1484.)


Die Bankengruppe (von der heutzutage die MPS-Bank nur ein Teil ist), hat ihren Sitz im Palazzo Salimbeni (auch "Rocca Salimbeni" oder "Castellare Salimbeni" genannt), der ebenfalls auf der Strecke unserer geführten Tour lag:


Auf der Webseite der Bank findet sich eine grobe Chronologie zu deren Geschichte; allerdings nur bis zum Jahr 2008 (danach wird es wohl zu heikel). Eine englischsprachige Kurzdarstellung der Bankgeschichte auf der Firmen-Webseite geht, was die präzisen Angaben betrifft (die spätere Ausweitung der Geschäfte wird nur ganz allgemein gestreift) sogar nur bis 1936.

Immerhin verstehe ich jetzt halbwegs, warum unser Reiseführer (sehr bescheiden) das Jahr 1624 als Gründungsjahr angab, während man anderswo immer 1472 liest. Tatsächlich gegründet wurde ein Institut unter diesem Namen zwar bereits anno 1472. Aber als Bank im modernen Sinn ist es (bzw. genauer: Ist eine parallele Einrichtung) möglicher Weise erst ab 1624 tätig geworden.
[In dieser Rezension des Buches "I SECOLI DEL MONTE - VICENDE E PROTAGONISTI DEL MONTE DEI PASCHI DI SIENA", das die Bankgeschichte von 1472 - 1929 behandelt - und übrigens hier vollständig online eingestellt ist; zu den einzelnen Kapiteln führt links oben der "Sommario" - lese ich: "Solo nel 1625 fu affiancato da un Monte non vacabile de' Paschi, dotato di un fondo di duecentomilòa scudi equivalente alla capitalizzazione al tasso annuo del cinque per cento delle rendite dei pascoli demaniali della Maremma." Die genaue Bedeutung dieses Satzes wird mir allerdings erst nach einem Blick in den italienischsprachigen - die deutsche und englische Ausgabe sind weniger präzise - Wikipedia-Eintrag zur Bankgeschichte klar (der seinerseits auf diesem Eintrag in der Online-Enzyklopädie des Verlages Treccani aufbaut; meine Hervorhebungen): "Nel 1624 fu costituito un secondo monte, specializzato nel credito agrario, chiamato Monte non vacabile dei Paschi della città e stato di Siena, cui il Granduca Ferdinando II concesse a garanzia dei debiti le rendite dei pascoli demaniali della Maremma (i cosiddetti 'Paschi')." Und weiter: "Nel 1783 i due monti furono unificati e la banca assunse l'attuale denominazione nel 1872".
Das erste Institut, von 1472, hieß "Monte Pio". 1624 kam also ein weiteres Institut hinzu, dessen Einlagen mit den Einkünften der Weiden in der Maremma besichert wurden. Erst 1783 wurden diese beiden Einrichtungen vereinigt (nach dem Treccani-Stichwort unter dem Firmennamen "Monti riuniti"). Den heutigen Namen haben sie noch später, erst 1872, angenommen.
(Mehr essayistischer Natur - also wesentlich unpräziser - ist der Handelsblatt-Artikel "Die Macht in Siena" aus dem Jahr 2006. Auf Führungen kann man das Archiv und die Kunstsammlungen der Bank besichtigen. Dieser Blog gibt fortlaufend Meldungen über den MPS wieder.)


Ganz persönlich müsste ich der Bank eigentlich sehr dankbar sein. Denn letztlich verdanke ich ihr, dass ich ein sehr interessantes Buch über das Reisen in alter Zeit, speziell im Raum von Siena und südlich bis nach Rom, lesen konnte. 
"Deutsche Reisende im Gebiet von Siena" lautet der Titel. Herausgegeben wurde es, bereits 1987, von Attilio Brilli. Ein wahrer Prachtband für Buchliebhaber: Atlasformat, Leineneinband, Fadenheftung. Zu den 238 Textseiten (die ihrerseits zahlreiche schwarz-weiß-Abbildungen reproduzieren) kommen noch schätzungsweise gut 100 Farbtafeln mit 138 meist ganzseitigen Illustrationen.
"Ausgabe für die* Monte dei Paschi di Siena, im Handel nicht erhältlich" vermerkt das Impressum, also wohl als Gabe an Geschäftsfreunde gedacht. Ich habe das Buch im Internet erstanden, für 'nen Appel und 'n Ei.
Meckern muss ich trotzdem ein wenig.
* Was ist richtig: "Der" Monte ..., wie ich oben schrieb, oder "die" Monte, wie hier gewissermaßen die Bank sich selber nennt? Nun, das kommt drauf an, wie man es sehen will. Italienisch "Monte" bedeutet Berg [ein Berg Geld?], und ist wie im Deutschen maskulin, also "il monte". Wenn man dagegen an "die" Bank denkt, mag man den weiblichen Artikel für sinnvoller halten.

Die etwa 50-seitige Einführung "Siena. Aus der Sicht des Reisenden" hat der Autor (ein Anglistik-Professor bzw. mittlerweile Emeritus) ganz offensichtlich nur für die Parallelausgabe "English and American Travellers in Siena"* verfasst und auf diese bezogen. Deutsche Reisende kommen in diesem Teil nicht vor (eine Ausnahme bildet die Erwähnung von Richard Wagner - S. 47; leider enthält die Anthologie den entsprechenden Wagner-Text - Brief? - nicht). Daher ist es schon etwas irritierend, wenn man beispielsweise in Anm. 45, S. 56 liest: "Außer der Stelle von Vernon Lee über die sienesischen Villen, im anthologischen Teil wiedergegeben ....". Das ist natürlich nicht der Fall, weil der Dokumentarteil der deutschen Ausgabe (entsprechend dem Buchtitel) nur Texte deutschsprachiger Reisender enthält.
* (Weiterhin ist eine italienische Ausgabe erschienen: "Viaggiatori stranieri in terra di Siena" - Ausländische Reisende im Gebiet von Siena.)

 
Auch Druckfehler enthält der Text nicht zu knapp, und die Übersetzung von Jochen Rössler (der dem Namen nach ein deutscher Muttersprachler sein dürfte) lässt in manchen Details zu wünschen übrig. So übersetzt er z. B., wo im Italienischen offenbar "scorcio" steht, sturheil nach dem Wörterbuch mit "Perspektivische Verkleinerung" (z. B. S. 66 in den Erläuterungen zu Zeichnungen von G. B. Busiri). Das ist zwar von der Sache her nicht falsch (schließlich ist jede - naturalistische - zweidimensionale Darstellung eines dreidimensionalen Raumes eine perspektivische Verkürzung). Aber im Deutschen verwendet man in diesem Zusammenhang üblicher Weise andere Begriffe: "Zeichnung", "Gemälde", "Ausschnitt", "Skizze", "Ansicht von ..." usw.
 
In der Gesamtperspektive sind diese Mängel freilich zu verschmerzen; das Buch ist sowohl in der Einführung wie im Dokumentarteil und nicht zuletzt auch dank der üppigen Illustrationen sehr informativ.
Und das auch in indirekter Hinsicht, weil die von Brilli ausgewählten Reiseberichte (die man sicherlich als repräsentativ ansehen darf) erstaunlich wenig über die Stadt berichten.
Er selbst stellt fest (S. 13/14): "Wer auch nur etwas mit den Reiseberichten in Italien vertraut ist, wird die ziemlich oberflächliche und knappe Art bemerkt haben, mit der die Reisenden die Etappe zwischen Florenz und Siena oder zwischen Livorno und Siena kommentieren ...". So blieb dem Herausgeber wohl gar nichts anderes übrig, als auch "... den Etappen breiten Raum ... [zu lassen], die in einer sternförmigen Ausrichtung nach und von der Stadt führen ...". Bei den deutschsprachigen Reisenden wird insbesondere die Strecke zwischen Siena und Rom (bzw. umgekehrt) beschrieben. Auch das ist, zum Thema "wie man in alten Zeiten reiste", sehr interessant.
Etwa Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts wird dann auch Siena selbst ein Reiseziel statt einer bloßen Durchgangsstation, und die Beschreibungen der Stadt bzw. der Aufenthalte der Reisenden werden ausführlicher.
 
 
Wenn man Siena vom Bahnhof aus kommend betritt, geht man durch die Porta Camollia (auf diesem Stadtplan fast am oberen Rand, auf der linken Seite; hier ein aus der Reihe fallender Text, der im Rahmen einer Studienfahrt von einem amerikanischen Studenten erstellt wurde). Dieses Stadttor (in Richtung Florenz) empfängt den Besucher mit der Inschrift "Cor magis tibi Sena pandit". "Weiter noch als dieses Tor öffnet Siena dir sein Herz", übersetzt die offizielle Touristikseite und verklärt sie zum "Symbol der sienesischen Gastfreundschaft". Obwohl sie auch berichtet: "Eigentlich war die Inschrift eine ironische Widmung an Ferdinando I de' Medici; sie wurde anlässlich seines Einzugs in die Stadt eingehauen. Der Großherzog der Toskana war bei den Sienesen nicht so sehr beliebt, die Anhänglichkeit der Sienesen an die Republik war (und ist noch) nämlich sehr stark."

Wir kamen freilich nicht vom Bahnhof, sondern vom Busparkplatz aus in die Stadt. (Bzw. vom Bushalteplatz zum Aus- und Einladen der Reisegäste; parken muss der Bus anderswo.)
Auf dem bereits erwähnten Stadtplan sehen Sie ebenfalls links, etwas tiefer als das Stadttor, eine rechteckige Struktur mit stark gezackten Ecken. Das ist die einstige Medici-Festung, und der Bushalteplatz ist durch ein weißes "P" in blauem Feld an der stadtfernen (westlichen) Längsseite der Festung markiert.
Um überhaupt mit dem Reisebus in die Stadt gefahren zu werden, mussten wir Tourist 6,- € berappen - pro Nase. Von daher fände ich ein ganz anderes Motto als "Cor magis ..." sehr viel angemessener:
Saccus magis tibi sena pandit - eine (leere) Geldbörse, größer als die Stadttore, hält Siena dir entgegen. ;-)
Vielleicht hängt auch das mit dem Niedergang des MPS und mit dem Wegfall der Gelder aus dieser Quelle zusammen. Unnormal sind solche Gebühren für Italien übrigens nicht; auch für die Einfahrt z. B. nach Florenz wird kräftig abkassiert. (Dafür war die Toilettenbenutzung an den Autobahnraststätten durchweg gratis; das kennen wir aus Deutschland, aber auch Österreich und der Schweiz ja leider anders.)

Auf diesem Plan erkennt man an der unteren (südlichen) Schmalseite der Festung eine blaue Kreisfläche; die symbolisiert einen Brunnen, auf den sich unsere Reisegruppe hier zubewegt:



Warum soll es den Sienesen besser gehen als den Venetianern, oder auch uns in vielen Städten? Auch die sollen ihren Anteil an der Taubenplage haben, deren Fütterung dieses Schild verbietet:

Von der Kirche San Domenico aus (die wir, als einziges Gebäude, auch innen besichtigt haben) dann endlich der Blick auf den Dom:


Dass es diesig war, tat unserem Entzücken keinen Abbruch. Im Rahmen unserer Reisevorbereitungen hatten wir uns auch zahlreiche Videos angeschaut.
Unter anderem: "The historic centre", "Siena in drone" (Luftaufnahmen!); "Siena en un día", "Walking tour in historic center" und, eine kleine Kuriosität, Schnee in Siena: "Neve em Siena 2012 - Basilica di Santa Maria dei Servi".
Spanisch kann ich zwar nicht; trotzdem ist der lange Film "Madrileños por el Mundo: Siena" interessant.  Erst ist Teil einer Fernseh-Serie, welche Orte offenbar aus der Sicht von Madridern beschreibt, die es dorthin verschlagen hat. (Meist Frauen, die der Liebe wegen in die jeweilige Stadt umgezogen sind.)


Manche erklären einen (im Stillen) für verrückt, wenn man sagt, dass man sich das Reiseziel schon intensiv in Videos angeschaut hat. Sie denken: 'Warum fährt der dann überhaupt noch weg'? Oder 'Da beraubt man sich ja der Freude, etwas Neues zu entdecken'?
Nun, das ist wie bei Kunstwerken: Auch von denen hat man schon unzählige Reproduktionen gesehen und besucht dennoch die Orte, wo sie hängen oder stehen. Denn in der Wirklichkeit sind sie immer noch schöner als auf den Abbildungen.
So ging es auch uns mit Siena: Die Stadt in der Wirklichkeit zu erleben ist etwas völlig anderes, als sich selbst gute Videos anzuschauen.


Freilich kann, was zunächst pittoresk erscheint .....

..... bei näherem Hinschauen (und entsprechender Bildbearbeitung :-) ) auch sehr beklemmend und bedrohlich wirken. Diese dichtgedrängten Wohnungen, deren Ensemble uns heute malerisch erscheint, ist ja eigentlich Ausdruck des Elends vergangener Epochen, in der Wohnqualität wahrscheinlich vergleichbar den Hinterhöfen der Berliner "Mietskasernen".
Auch hier ist es also geboten, die Verdenkmalung und das, was man anderen (nämlich den Eigentümern und Bewohnern) damit aufzwingt kritisch zu hinterfragen.
(Wie übrigens auch die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren mit mancherlei romantischen Vorstellungen aus der Vergangenheit aufräumt.)
Man kann es nachvollziehen, dass solche "Hühnerställe", wo die Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht waren, im Mittelalter die Aggressionen hochkochen ließen. Das Palio mag vielen heute als ein wildes Spiel erscheinen; es ist aber nichts gegen die Brutalität von manchen "Spielen", die in der Vergangenheit in zahlreichen italienischen Städten zwischen den Bewohnern der verschiedenen Stadtviertel ausgetragen wurden: Da gab es Faustkämpfe, Keulenschlachten und Steinwurf"spiele".

 
Heute werden die Menschen durch Funk und Fernsehen sediert. Außerdem vermute ich, dass heutzutage viele dieser "Löcher" von Studenten bewohnt werden. (Die Stadt hat ca. 54.000 Einwohner, an der Uni Siena studieren rund 16.000 Studenten (Stand 2016; 2006 wurden noch 20.000 gezählt: Woher der Rückgang um ein Viertel???). Dazu kommt noch die Ausländeruniversität mit knapp 1.500 Studenten in 2016. [Die wurde übrigens keineswegs schon 1917 gegründet. Die Darstellung zur eigenen Geschichte ist auf der Webseite der "Università per Stranieri di Siena" zwar ziemlich unpräzise: Das Jahr 1917 erscheint dort aber lediglich in diesem Satz: "A Siena nel 1588 fu istituita la prima cattedra di lingua italiana destinata a studenti tedeschi; sempre a Siena a partire dal 1917 furono realizzati i primi corsi di lingua e cultura italiana dopo l'Unità d'Italia." In diesem Jahr wurden also erste Kurse für italienische Sprache und Kultur angeboten, und diese Tradition führt die neue Universität (die irgendwann - in den 90er Jahren? - von der regulären Uni abgespalten wurde) fort.]

Soziale Überlegungen hin oder her: Zunächst einmal sind wir ja gekommen, um das zu genießen, was alle schön finden - und was tatsächlich auch malerisch (wie oben die am Hügel hinaufkletternde Wohnbebauung) oder prächtig (wie unten) anzuschauen ist:



Unser weiterer Weg ins Zentrum führte durch die Via della Sapienza (vorbei an der Stadtbibliothek, der "Biblioteca Comunale degli Intronati". (Die Geschichte der Bibliothek und ihres Gebäudes werden hier ausführlich dargestellt; ich habe sie leider nicht bewusst wahrgenommen) und dann durch die Gasse "Costa dell'Incrociata" (deren Namen sich mehrfach geändert hat und der auf der Google-Karte (zu "Costa Incrociata" verkürzt und nur unter dieser Bezeichnung auffindbar) nur bei extremer Vergrößerung auftaucht. Sie scheint dort im oder unter dem Gebäude zu verschwinden, was tatsächlich gar nicht der Fall ist (vgl. dieses Foto mit Blick auf dem Palazzo Salimbeni).

Die Costa dell'Incrociata führt direkt auf die Piazza Salimbeni zu, dessen eine Schmalseite im Hintergrund durch den Palazzo Salimbeni (Sitz des MPS; Foto s. oben) abgeschlossen wird. Auch an den beiden  und rechts stehen Paläste (vgl. Fotos und Beschreibung auf der kommunalen Webseite "SienaGuidaVirtuale"), und zwar der Palazzo Tantucci links (nördlich) und der Palazzo degli Spannocchi rechts (südlich). Beide Gebäude gehören ebenfalls der Banca Monte dei Paschi di Siena; ihr Äußeres ist aber nicht original, sondern wurde in der Zeit des Historismus Ende des 19. Jahrhunderts in alten Stilformen umgebaut.
[Auch die so perfekt (venezianisch.) gotisch anmutende Fassade des Palazzo Salimbeni ist neogotisch und datiert von 1877.]

Am Palazzo degli Spannocchi ist eine Tafel angebracht, deren Text man wohl wie folgt übersetzen kann:
"In diesem Palast hatte Piero Strozzi sein Hauptquartier [während der Belagerung von Florenz], der kühne aber glücklose Verteidiger der Freiheit Sienas":

Strozzi war Florentiner und hätte als solcher eigentlich ein Gegner Sienas sein müssen. Aber vor allem war er ein Feind der Medici; daher kämpfte er für Frankreich gegen die (zu dieser Zeit, ansonsten ging das immer hin und her) mit dem Kaiser Karl V. (also mit Spanien) verbündeten Medici. Eine italienische Webseite, welche über die militärischen Befehlshaber und Condottieri informiert, die im Zeitraum 1330 - 1550 in Italien aktiv waren, enthält auch eine detaillierte Chronologie des Lebens und der Aktivitäten von Piero Strozzi.

Siena hatte lange Jahre unter dem Schutz Spaniens gestanden, der allerdings mehr Bedrückung als Schutz war. So rebellierten die Sienesen 1552 und schlüpften unter französische Fittiche, d. h. sie verbündeten sich mit den Franzosen.
Piero Strozzi war der französische Oberbefehlshaber in Italien und verteidigte als solcher im "Guerra di Siena" (der im engeren Sinne von 1552 - 1555 dauerte und im weiteren bis 1559 und den man als einen Teil der "italienischen Kriege" zwischen 1494 und 1559 verstehen kann) gegen die Truppen der Spanier und der Medici (Cosimo I.) (Hier gibt es, auf Italienisch, eine 3-seitige Chronologie der Ereignisse von 1552 - 1559.)
 Allerdings leitete Strozzi die direkte Verteidigung der Stadt gegen die Belagerer nur für relativ kurze Zeiträume; hauptsächlich versuchte er, die Belagerer von Siena abzuziehen und durch militärische Operationen im Umland die Stadt mit Lebensmitteln zu versorgen.
Stadtkommandant war in seiner Abwesenheit der Franzose Blaise de Montluc [vollständiger Name lt. Wikipedia: "Blaise de Montesquiou-Lasseran-Massencôme, seigneur de Monluc (teilweise auch Montluc geschrieben)"; auf italienisch "Biagio di Montluc"].

Der erste Teil der Kämpfe, vor der entscheidenden Wende, wird (als Vorgeschichte zu dem primär interessierenden lokalgeschichtlichen Ereignis der Eroberung von Foiano) z. B. hier auf einem privaten Portal für die Stadt Foiano della Chiana sehr übersichtlich dargestellt; aber natürlich auf italienisch. In dieser Phase agierte Strozzi sehr geschickt und relativ erfolgreich.
Doch die Schlacht von Marciano (bzw. Scanagallo; die Bezeichnungen variieren) brachte den Umschwung zu Gunsten der spanischen und toskanischen Truppen, die unter dem Kommando von Giangiacomo Medici di Marignano ["Gian Giacomo Medici, auch Giovanni Giacomo Medici, Il Medeghino (der kleine Medici) oder Il Marignano genannt"] standen.
Über diese entscheidende Schlacht gibt es eine ganze Menge an Informationen im Internet (u. a. auch eine - allerdings nach meinem flüchtigen Urteil nicht nur der Seitenzahl nach etwas dünne - deutsche Dissertation aus dem Jahr 1914.). Über die Folgen dieser Schlacht lesen wir z. B. hier: "Strozzi himself managed to escape from the battle, but the elimination of the Sienese field army meant that Merignano was able to concentrate all of his efforts on the siege of Siena. At first he expected an easy victory, as Strozzi wasn't expected to recover from his wounds and Monluc was ill, but both men recovered and the siege continued."

Man kann also sagen, dass Siena seine Eigenständigkeit durch diese Schlacht vom 02.08.1554 verloren hat, auch wenn die Sienesen der Belagerung noch monatelang heroisch widerstanden haben. ("The destruction of Strozzi's field army sounded the doom of Siena" heißt es bei Schevill - vgl. unten - auf S. 487 pdf bzw. 413 Buch.)

Eine englischsprachige Kurzdarstellung der Belagerung und der damit zusammenhängenden Kämpfe gibt die "Military History Encyclopedia on the Web" in dem Artikel "Siege of Siena, January 1553 [recte: 1554] - April 1555".

Ausführlicher ist die Darstellung der Belagerung und der damit zusammenhängenden weiteren kriegerischen Ereignisse in dem Buch "SIENA. THE HISTORY OF A MEDIEVAL COMMUNE" von Ferdinand Schevill (1909 in einer Neuausgabe mit Vorwort - das überholte Sichtweisen des Buchautors richtigstellt und auch über die Entwicklung der Geschichtsschreibung über Siena informiert - von 1964; Belagerung S. 481 ff. der pdf-Datei bzw. Buchseite 407 ff. Schevill hatte übrigens auch in Deutschland studiert - vgl. Vorwort S. 14 pdf.). Daraus ein Auszug aus S. 482 (Buchseite 408), der auch uns Heutigen noch Vieles zu sagen hat (meine Hervorhebung):
"In the world-game played by the two rulers [Karl V. und Heinrich II. von Frankreich] in the sixteenth century Siena had, by the accident of geographical position, become a point possessed of a certain strategical advantage, and each would attempt to hold it against the other. To such a pass had the new political organization of Europe brought the ancient commune. She could maintain herself only by leaning on one or the other: Spanish yesterday, she might be French to-day and Spanish again to-morrow, but she could never more belong to herself alone. Strange to say neither the people nor their leaders saw this simple fact, which, to our perception, looms as palpable as a mountain. They actually believed they were defending their liberties a term on which the history of the town throws a lurid light and hugged to their breasts the ignorant hope of being able to treat as equals with France and Spain. If this was an illusion, it is at least to be said for the Sienese that they gave themselves to it with such sincerity that they reached in this, the final chapter of their history as a free republic, a level of heroism rarely attained by any people, great or small, ancient or modern ...".

Ebenfalls online sind die Bücher
  • "A History of Siena" von Langton Douglas (1902; Belagerung S. 318 - 353 der pdf-Datei; Buch S. 231 ff.) und
  • "The Story of Siena and San Gimignano" von Edmund G. Gardner (1909: eine sehr farbige Schilderung der Ereignisse in dem Kapitel "The Last Days of the Republic" , S. 231 ff.)
Neuere Werke, die nur in der Druckausgabe vorliegen, sind z. B. "La Guerra Di Siena (1552-1559). I termini della questione senese nella lotta tra francia e absburgo nel '500 e il suo risolversi nell'ambito del principato mediceo" von Roberto Cantagalli (1962; Amazon) und "La caduta della Repubblica di Siena. Parte due: La guerra", erschienen 2007.           

Besonders grausig war der Umgang der Belagerten mit den "bocche disutili" (oder "bocche inutili"), also den (aus Sicht der Herrschenden) unnützen Essern. Die jagte man (in Siena, je nach Status, in mehreren Schüben) aus der Stadt und die Belagerer gingen meist ziemlich brutal mit den Vertriebenen um. (Beides war damals offenbar üblich; gleiches wird für die Belagerung von 1534/1535 unserer von den Wiedertäufern beherrschten Stadt Münster berichtet. Was die Grausamkeit der Kriegführung angeht, kann man die Plünderung Roms von 1527 - den "sacco di Roma" - als exemplarisch ansehen. In kleinerem Maßstab war es auch 1512 beim "sacco di Prato" zu furchtbaren Exzessen gekommen. Siena konnte von Glück sagen, dass es nach der Eroberung von Plünderungen verschont blieb.)

Der Aufsatz "Amor di carità e difesa delle “bocche disutili” negli ultimi mesi dell’assedio di Siena (Agosto 1554 - Aprile 1555)" von MARIA LUDOVICA LENZI (erschienen in einer Zeitschrift der traditionsreichen Sieneser "Accademia dei Rozzi")* dürfte (ich habe ihn noch nicht gelesen) die Vorgänge um die Ausweisung der nutzlosen Esser im Detail schildern.
Kürzer hier und - teilweise dem Aufsatz von Lenzi entnommen - dort.]
[*Eine umfangreiche Herausgebertätigkeit zur Geschichte Sienas entfaltet auch die "Accademia degli Intronati", während sich die ebenfalls schon jahrhundertealte "Accademia dei Fisiocritici" auf die Naturgeschichte spezialisiert hat (worüber sie auch ein Museum betreibt). Wie sehr die Krise des MPS auch die Tätigkeit der Akademien in Mitleidenschaft zieht, erfährt man etwa hier: "Il “Bullettino Senese di Storia Patria” sta attraversando una fase di difficoltà economica. La crisi a livello generale e i problemi di alcuni enti della nostra città hanno fatto venir meno una serie di finanziamenti dei quali l’Accademia degli Intronati si giovava per la sua attività culturale e – all’interno di questa – per la regolare pubblicazione del “Bullettino”."]
Auch auf den “Biccherne” (eigentl.: "tavolette [Täfelchen] di Biccherna"; die B'a war eine Finanzbehörde des Stadtstaates) haben die dramatischen Ereignisse um den Verlust der staatlichen Eigenständigkeit von Siena ihren Niederschlag gefunden. Das sind Rechnungsbücher des Staates (und auch des Ospedale Santa Maria della Scala), die in bemalten Holzdeckeln gebunden wurden (und jetzt im Staatsarchiv ausgestellt sind). Die einschlägigen Einbandbilder für den vorliegend interessierenden Zeitraum sind hier abgebildet und erläutert.

Einige "Kalenderblätter" zu den Ereignissen, insbesondere aus den "Pillole quotidiane di storia senese" der Webseite "Il tesoro di Siena", machen die Geschehnisse rund um die etwa 15-monatige Belagerung für uns Heutige anschaulich:
 
Auch ich mache nun weiter, mit unserer ganz persönlichen Eroberung von Siena. ;-)
 
Nächster Stopp (vom Piazza Salimbeni her kommend) ist der eindrucksvolle gotische Palazzo Tolomei. Der wurde 1971 restauriert und beherbergt ebenfalls eine Bank (in diesem Falle aber wohl nur eine Zweigstelle), nämlich die "Cassa di Risparmio di Firenze" (Sparkasse von Florenz).


Bei der "Loggia della Mercanzia" (Nr. 9 auf diesem Stadtplan) gabelt sich die Via Banchi di Sopra auf in die "Via Banchi di Sotto" und die "Via di Città" (Alle drei, mit ihren jeweiligen Fortsetzungen, sind die Hauptgeschäftsstraßen in der Altstadt von Siena.)
Diese Straßen verlaufen auf drei Hügelrücken, auf denen die Stadt entstanden ist, und bilden das "Rückgrat" der drei Stadtviertel, die in diesem Falle nur Stadtdrittel sind und folglich "Terze" genannt werden.
Der Ort ihres Zusammentreffens hat eine besondere Bezeichnung bekommen; er heißt "Croce del Travaglio".
Nun sind wir aber schon ganz nah am Piazza del Campo angelangt, dem weltberühmten Hauptplatz von Siena, auf dem alljährlich zweimal das ebenso berühmte Pferderennen stadtfindet: Der Palio.

Meist sind es nur schmale Durchgänge, manchmal überbaut, die auf den Platz führen:

Eine Ausnahme macht die "Costa dei Barbieri" (in dieser Beschreibung "Costarella dei Barbieri" genannt). Hier ist die Start- und Ziellinie des Palio.

Gegenüber des Sträßchens steht dieses schöne Gebäude, dessen Namen ich nicht kenne:


Aber jetzt wollen wir doch endlich den freien Blick auf den Palazzo Communale genießen, im gleißenden Sonnenlicht aus engen dunklen Straßen betrachtet:


Doch zunächst biegen wir noch einmal ab vom Piazza del Campo, um durch die Via dei Pellegrini zur Kathedrale von Siena zu pilgern.
Die Domfassade, die der Unkundige nun auf der Piazza San Giovanni zu sehen glauben könnte, sieht irgendwie unfertig aus. Aber das ist kein Wunder: Dies hier ist gar nicht die (Haupt-)Fassade! Vielmehr führen diese Eingänge zur Taufkirche (Battistero di San Giovanni), die unter dem Chor des Domes liegt - und die zu besichtigen wir auch keine Zeit hatten:
 

 Also aufwärts steigen, wobei unser Stadtführer nicht die oben gezeigten Treppen links vom Dom nahm, sondern die Via Fusari auf der rechten Seite.

Und wenn man dann aus der engen Straße herauskommt, überwältigt sie einen in ihrer vollen verschwenderischen Pracht: Die Fassade des Doms von Siena:


 Nach und nach nimmt das Auge Einzelheiten wahr; wie z. B. auf den folgenden Bildern:

 











Geht man weiter, auf die rechte Seite des Doms, sieht man eine große Mauer, die einstmals eine noch größere Kirche bilden sollte; indes setzten die Pest, aber wohl auch die Statik, solchen megalomanen Plänen der alten Sieneser im 14. Jahrhundert ein Ende. Jedenfalls: Hier wären wir rausgekommen, wenn wir auf der Treppe links von der Taufkirche (Unterkirche) hochgegangen wären. (Von dieser Treppe aus gelangt man zu einer weiteren Unterkirche, der Krypta.)

Auf dem Rückweg zur Piazza del Campo führte unser Guida uns noch in den Hof des Palazzo Chigi-Saracini, der vom letzten Besitzer für die Gründung einer Musikakademie ("Accademia Musicale Chigiana") gestiftet worden war:

Zurück am Piazza del Campo knipse ich schnell noch einen steinernen Hund (eigentlich soll das wohl ein Wolf sein, denn der ist, wie in Rom, das Wahrzeichen der Stadt) vom Torre del Mangia .....

..... und einen lebenden Hund, der von dem ganzen Trubel genauso ermüdet ist wie wir:

Die "Palle" (Kugeln", das Wappen der Medici) an ihrem Kommunalpalast wird die Sienesen nicht erfreut haben, weil es ihnen immer wieder den Verlust ihrer Unabhängigkeit einrieb.
Heute ist das vergessen und die Stadt präsentiert stolz einen Rundgang "Trekking und Trikolore. Auf der Suche nach dem Risorgimento in Siena", also zur Einigung Italiens und damit zum Anschluss auch von Siena an ein größeres Vaterland, als es die Toskana war.
 


Eigentlich wollten wir unsere allzu knappe Zeit nicht mit Essen vertrödeln; aber auch für Touristen gilt halt: Ohne Mampf kein Kampf.
Wobei ich hoffe, dass Sie diesen schnodderigen Satz nicht an den Wirt verraten: Sonst erteilt er uns vielleicht Hausverbot :-), und das wäre echt tragisch. Denn irgendwann werden wir sicherlich noch einmal nach Siena kommen und möchten dann unbedingt wieder in der Osteria il grattacielo [Wolkenkratzer; hier auf Facebook präsent] in der Via dei Pontani speisen:

Eine nähere Beschreibung der dortigen Köstlichkeiten (und der Preise, die alles andere als himmelstürmend sind!) kann ich mir sparen; das hat Karl-Heinz Hänel in seinem Blog "Liebhaberreisen" bereits besser besorgt, als ich es könnte ("Zum Essen in den Wolkenkratzer von Siena"). (Wir hatten nicht reserviert, aber zum Glück doch freie Plätze für uns beide gefunden.)

 

Wer alles, und noch etwas mehr als alles, über den Palio (und einiges über die allgemeine Geschichte Sienas) wissen möchte, dieses berühmte Pferderennen auf der Piazza del Campo, dürfte auf dieser (inoffiziellen) Webseite auf seine Kosten kommen. Die Eigenbeschreibung ist wohl nicht auf Deutsch eingestellt (meine Hervorhebungen):
"Questo sito no profit, composto da quasi diciassettemila pagine, autorizzato dal Consorzio per la Tutela del Palio di Siena*, comprende numerose statistiche, curiosità e, soprattutto, molte notizie storiche."
Also eine private, nichtkommerzielle Webseite mit ca. 17.000 Unterseiten, die mit dem Segen der offiziellen Organisation für den Schutz der eingetragenen Marken usw. rund um das Palio betrieben wird.
*(Das offizielle Gremium, das die Rechte an den Symbolen des Palio und der Contraden schützt; man darf also nicht einfach hergehen und, beispielsweise, "Palio di Siena Bier" brauen. Z. B. liest man unten auf der Seite von diesem Siena-Portal - meine Hervorhebung - : "Gli stemmi, i colori delle Contrade e le immagini del Palio sono tutelati dal Consorzio per la Tutela del Palio di Siena. L'uso e la riproduzione sono vietati salvo espressa autorizzazione del Consorzio medesimo." Da frage ich mich, ob man, theoretisch zumindest, nicht einmal selbst aufgenommene Bilder vom Palio-Rennen veröffentlichen dürfte?)

Auf Deutsch übersetzt ist auf der o. a. privaten "IlPalio"-Seite eine umfangreiche Beschreibung, aus der ich hier den allerwichtigsten Satz überhaupt wiedergebe: "Die Grenzen der Contraden wurden 1729 [hier: 1730 - ??] durch eine Verordnung der bayrischen Prinzessin Violante festgelegt."
Ein klarer Beweis, dass es ohne die Wittelsbacher nirgends auf der Welt ging: Weder hätten wir in Schwangau unser Schloss Neuschwanstein, noch hätten die Einwohner von Siena gewusst, wie sie ihre Contraden vernünftig abgrenzen sollen. :-)

Links zu den Webseiten der Contraden hier; eine Beschreibung auf Deutsch dort. Recht ausführlich auch die englischsprachige Wikipedia. Die italienische allgemeine Wikipedia-Seite verlinkt sogar zu separaten Artikeln über jede einzelne Contrada. Im übrigen informiert sie auch detailliert über den "Battesimo contradaiolo", also den "Taufritus" zum Contradenmitglied.

Im Stil alter Reiseführer mit einem pompösen Titel nach barocker Manier hat ein Geschichtsprofessor der Uni Siena einen Ratgebertext für Fremde zum Besuch des Palio verfasst: "Guida pel forestiere avvertito, scritta dal Signor Duccio Balestracci, Senese, a uso de’ Visitatori di Siena nei giorni del Palio ... a evitare gl’inconvenienti e accidenti vari e disgusti che possano accadere in tale occasione"
Meine persönliche Begeisterungsfähigkeit für das Unter-2-Minuten-Rennen hält sich in Grenzen. Aber die Grenztafel von einer der 17 Contraden habe ich doch geknipst (und verstoße hoffentlich mit dieser Veröffentlichung nicht gegen Schutzrechte - ?):

Für "Tifosi" (Fans) vielleicht besonders nützlich von der "Il Palio"-Webseite ist eine Liste der einschlägigen Fachausdrücke, jeweils mit deutschen Übersetzungen. Mit fällt, auf Anhieb, darin auf, dass es für "betrunken sein" immerhin gleich zwei Fachausdrücke gibt, die zur Palio-Terminologie gehören: "Trofea" und "Turbina". (Allerdings dürfte die richtige Übersetzung "Kater" lauten; die englische Version schreibt nämlich "Hangover".)
Also, wenn Sie in Siena mal so richtig "schicker", "zu", "voll" oder "duhne" sind vom guten toskanischen Wein, trösten Sie sich: Eine "trofea" oder "turbina" zu haben ist dort, jedenfalls zu Palio-Zeiten, offenbar völlig normal. :-)

Contradaiolo, Mitglied der Contrade, wird man durch eine Taufe. (Wobei mir unklar ist, ob das eine formale Voraussetzung ist, oder lediglich ein netter Brauch, dem sich viele unterziehen.) Entstanden ist dieser Brauch erst Ende der 1940er Jahre, aber jedenfalls sind ihm auch die Brunnen der Contraden zu verdanken. (Rundgang, Karte und Fotos auf der Webseite "FotoInCammino" eines gewissen Enea Desi.
Diesem verdanke ich meinerseits, aus seinem Eintrag "Trekking urbano nei vicoli nascosti di Siena", den Hinweis auf den "Vicolo delle Carrozze". Naturgemäß konnten wir nicht den ganzen von ihm beschriebenen Rundweg ablaufen; jedoch habe ich die ganze Beschreibung gelesen und auf dem Stadtplan verfolgt; auf diese Weise war ich schon vor unserem Besuch sozusagen vertraut mit der Stadt.
[Hätte ich die Gelegenheit zu einem längeren Aufenthalt in Siena, würde ich mir wahrscheinlich diese   beiden  Hefte - mit zus. ca. 90 S. - und die zugehörige Karte von einer Wanderorganisation "reinziehen" und die Strecke - wie auch die "Vicoli nascosti", vor Ort ablaufen.]

Am Stall einer der Contraden (Selva = Wald; HomepageGeschichte; ) sind wir vorbeigekommen ("Contrada della Selva. Stalla" verrät uns die Tafel rechts neben der Tür):

Die hölzerne Stalltür ist mit einem kleinen Metall-Pferdekopf verziert:

Er befindet sich im  "Vicolo delle Carrozze", .....

..... dem vielleicht finstersten und unheimlichsten Gässchen in ganz Siena (dessen Name nicht einmal in den Google Maps verzeichnet ist (wohl aber, wie ich jetzt nachträglich feststelle, auf diesem - nach Straßennamen durchsuchbaren - Stadtplan der offiziellen Touristikseite!), das aber hier recht ausführlich beschrieben, bebildert und auch räumlich verortet wird.
[In der OpenStreetMap ist die Gasse - über der Via Franciosa und der Piazza San Giovanni - präzise eingezeichnet; einschließlich der kleinen "Sackgasse" nach Westen (links), die ich unten (mit der Bemerkung "Malerisch anzuschauen ist diese hohle Gasse allemal; aber ob ich dort leben möchte?") zeige. Bei der Namenssuche wird sie - unter der Bezeichnung "Vicolo delle Carrozze, Poggio al Cardinale, Siena, SI, Toskana, 53100, Italien" auch punktgenau angezeigt. Nur ist auf der Karte selber der Name gar nicht eingetragen.]
In einer Tourismusbroschüre lesen wir Gruseliges: "Now considered one of Siena’s most characteristic alleys, it once harbored murderers, witnessed “ugly and dishonest things” and was rightly deemed dangerous."
Heute haben Mörder und andere Strauchdiebe dort aber keine Chance mehr, weil sich selbst in diesen finsteren Gassen Touristen (zum Glück nicht allzu viele) herumtreiben:



Durch finstere Schwibbögen hindurch wird die Fahne der Contrada Selva sichtbar:

Malerisch anzuschauen ist diese hohle Gasse allemal; aber ob ich dort leben möchte?

Ich denke, wenn man hier solide Stahlstützen einziehen wollte, käme einem gleich der Denkmalschutz auf den Hals:

Obgleich ich alte Dinge wertschätze und liebe sehe ich es doch ziemlich kritisch, wie heutzutage (keineswegs nur hier und nicht nur in Italien) lebende Menschen in das Prokrustesbett toter Denkmäler gepresst werden. Die zunehmende Verdenkmalung der Welt, sozusagen eine Versteinerung des Lebendigen, sehe ich durchaus kritisch.

Immerhin, an einer (einzigen) Stelle eröffnet sich, über einen kleinen (verschlossenen) Garten hinweg ein schöner und befreiender Ausblick auf einen anderen Stadthügel:



Eine gute Einführung in die Geschichte Sienas als selbständiger Stadtrepublik (also bis zum Ende seiner Eigenstaatlichkeit 1555) bietet der Artikel "Ach, Siena!" von Klaus Thiele-Dohrmann in der ZEIT vom 06.08.2009.
Der Autor erwähnt auch einen Aspekt, der für die Entwicklung Sienas ziemlich wichtig gewesen sein dürfte, aber in den online verfügbaren historischen Überblicken (z. B. hier, da und dort) immer unter den Tisch fällt: Den Bergbau, speziell den Silberbergbau, im Gebiet des Stadtstaates.
Eine schnelle Einführung für eilige Reisende bietet der Eintrag "12 Top-Rated Tourist Attractions in Siena" auf der Webseite PlanetWare. Am Textende auch einen Stadtplan (von Baedeker), auf dem zwar nicht alle Gässchen eingetragen sind, der aber die wesentlichen Sehenswürdigkeiten und Straßen übersichtlich darstellt.

Kurz, aber doch das Wesentliche erfassend ist der Eintrag in der Encyclopaedia Britannica.


EINIGE TOURISTISCHE INFORMATIONSPORTALE FÜR SIENA:
  • EnjoySiena: Die offizielle Touristikwebseite der Gemeinde, in mehreren Sprachen, darunter auch in Deutsch, bietet eine Fülle von Informationen.
  • Il Tesoro di Siena (zu übersetzen vielleicht mit "Das Sieneser Schätzkästchen"), ebenfalls nur auf Italienisch. Wird offenbar von einer Gruppe von Heimatfreunden betrieben und ist, soweit ich sehen kann, werbefrei. Die Seite bringt, fortlaufend erweitert, Informationen zu derzeit acht Bereichen "SU E GIÙ PER LE CONTRADE", "PILLOLE QUOTIDIANE DI STORIA SENESE" ('Geschichte Sienas in täglichen Häppchen verabreicht', schon jetzt eine recht umfangreiche Sammlung von, wie wir vielleicht sagen würden, "Kalenderblättern"), "C'ERA UNA VOLTA IL PALIO", "I TESORI DELL'ARTE SENESE", "SENESI DA RICORDARE", "TERRE DI SIENA" (über das Umland der Stadt), "BIBLIOTECA SENESE" [hier sind, bislang noch sehr wenige, Bücher mit abgelaufenem Copyright online eingestellt; die Webseite der Uni macht eine Reihe von Aufsätzen zur Geschichte der Stadt sowie ebenfalls einige alte Bücher (wenn ich Zeit hätte, und mein Italienisch besser wäre, würde ich mir z. B. "La vita privata dei senesi nel Dugento" von Lodovico Zdekauer - auch hier - sehr gerne anschauen) im Netz verfügbar. Ebenfalls sind einige ältere - englischsprachige - Bücher zur Geschichte der Stadt im Internet gratis greifbar: Ferdinand Schevill, "Siena. The History of a Medieval Commune"; Edmund G. Gardner, "The Story of Siena and San Gimignano" und Robert Langton Douglas, "A history of Siena"], sowie schließlich noch dies und das unter "SPIGOLATURE SENESI". Besonders spannend fand ich, neben den Historik-Häppchen (von denen ich einige - z. B. über ein Erdbeben im Jahr 1798 - gelesen habe) u. a. die Informationen (anscheinend Auszüge aus einem Buch) zu einem Aufenthalt von Maurits Cornelis Escher in Siena.
Einschub:
Nachdem ich hier bereits einige (ältere) Bücher zur Geschichte Sienas aufgelistet habe bietet es sich an, zu weiteren Artikeln über dieses Thema zu verlinken. Die Wikipedia-Einträge enthalten jeweils auch Kapitel zur Geschichte; daneben gibt es aber teilweise noch spezifische Einträge dazu:

Chronologien:
Gesamte Stadtgeschichte:
  • Geschichte Sienas (weitaus detaillierter als seine italienischen und französischen Pendants!). Dieser Beitrag verlinkt auch zum Siena-Stichwort in dem älteren (um 1840) aber extrem detailreichen "Dizionario Geografico Fisico Storico della Toscana" von Emanuele Repetti.
  • Storia di Siena
  • Histoire de Sienne
  • Drei Artikel auf "SienaOnline":   Siena in AntiquitySiena in the Middle Ages + Siena in the Renaissance.
  • Aus dem Buch "Siena: a City and its History" von Judith Hook (1979) steht hier der Teil 2 ("Medieval Siena") online, mit den Kapiteln The Rule of the Nine, The Cathedral und The Campo.
  • Eine gute Geschichtskarte von Gesamtitalien (für die Staatsgrenzen im Jahr 1494), die (anders als die üblichen Karten in Geschichtsatlanten, wie z. B. hier) auch die physischen Merkmale der Territorien (Höhen, Flüsse) zeigt und außer den Hauptorten der jeweiligen Staaten auch andere größere Städte, ist diese
Zeit der Eigenstaatlichkeit:
  •  Republic of Siena (für den Zeitraum 1125 - 1555/1557/1559). [Die verwirrend unterschiedlichen Enddaten erklären sich daraus, dass   a) 1555 Siena von den Spaniern erobert wurde,   b) 1557 von diesen die Stadt und ihr "Staatsgebiet" an die Medici in Florenz abgetreten wurden und schließlich   c) im Jahr 1559 ein letzter Überrest der einstigen Selbständigkeit, den Sieneser Emigranten in Gestalt einer Schattenrepublik in Montalcino fortgeführt hatten, ebenfalls an die Medici fiel.]
  • Der entsprechende italienische Eintrag "Repubblica di Siena".

KOMMERZIELLE PORTALE:
  • Auf Deutsch ist die Webseite "Cityrundgang" recht ausführlich.
  • Traveling in Tuscany behauptet zwar über sich selber: "There is no commercial interest. Only passion". So ganz stimmt das zwar wohl nicht, denn viele der Unterseiten (willkürlich herausgegriffen z. B. diese) schließen mit einem Hinweis auf ein "Podere Santa Pia": "Podere Santa Pia is immersed in the utmost quietness of the Alta Maremma, where total privacy is guaranteed, in a scenic location, only 2 km away from Castiglioncello Bandini and 50 minutes away from both the sea and the Val d'Orcia National Park. For those seeking a peaceful, uncontaminated environment, yet be just a short drive from some one of Tuscany's most intoxicating cities, Santa Pia is the perfect choice" und verlinken auch dorthin. Das finde nicht weiter schlimm, denn die Werbung ist unaufdringlich und die Touristikseiten (für Siena z. B. diese) sind in der Tat mit einer enormen Leidenschaft gestaltet und bieten eine immense Informationsfülle. Das wäre, kommerziell betrachtet, der helle Wahnsinn und absolut unrentabel; hier ist tatsächlich die Liebe zur Sache ausschlaggebend. Also: Eine unbedingt empfehlenswerte Informationsquelle für Ihre Reisevorbereitung!
  • Der Guida Turistica Siena Online, italienisch und englisch, macht einen durchaus brauchbaren Eindruck (vgl. den ausführlichen Eintrag zum Palazzo Sansedoni)
  • Scoprire Siena ("Siena entdecken"): Nur italienisch; ich finde es, wenn man nur Informationen über die Sehenswürdigkeiten sucht, ziemlich verwirrend aufgebaut. Und lückenhaft: Der Palazzo Sansedoni (s. o.) z. B. hat dort keinen eigenen Eintrag. Aber Menschen mit perfekten Italienischkenntnissen können vielleicht mehr mit diesem Portal anfangen als ich.
  • SienaViva bietet auch in der angeblich deutschsprachigen Variante die Hotelbeschreibungen auf Englisch an; ebenso den Veranstaltungskalender. Überhaupt geht es hier hauptsächlich darum, Geld mit der Zimmervermittlung zu verdienen; aber einige Informationen über die Sehenswürdigkeiten in Siena gibt es dann doch, und diese auch auf Deutsch. (Links unten auf der Eingangsseite.) Aus meiner Sicht ausgesprochen dürftig. Wenn man seine Unterkunft über ein Portal bucht, sollte man diejenige Seite auswählen, die sich auch mit den touristischen Informationen echte Mühe gibt.
  • Deutlich mehr Mühe gibt sich das Portal Über Siena ... Ihr Touristenführer für Siena (das neben einer italienischen Ausgabe auch solche in Englisch, Französisch und Spanisch bietet). Informationen beispielsweise über den Palazzo Sansedoni findet man zwar auch dort nicht. Aber immerhin: Auch über die Parks wird der Reisende informiert, und ebenso über die "unterirdischen Wasserstraßen" (damit sind die "bottini" gemeint, historische Wasserleitungen zu den alten Ausgabe-Brunnen, die mit einer Länge von 25 km eine außerordentliche technische Leistung des Mittelalters darstellen und die außer in einer älteren, online verfügbaren Studie erneut im Jahr 2004 in einer englischsprachigen Arbeit gewürdigt wurden). Breite Berücksichtigung findet auch der Palio. In der Gesamtschau würde ich sagen: Ein zwar bei weitem nicht erschöpfendes, aber für den normalen (Kurzzeit-)Touristen doch recht brauchbares Portal. Und für mein Gefühl übersichtlicher aufgebaut als das mehr auf "Chic" gemachte Touristikportal der Stadtverwaltung. Das freilich weitaus mehr Detailinformationen bietet.
  •  
  • SienaGuidaVirtuale (offizielle Seite der Stadtverwaltung) verbindet Bild und Text zu virtuellen Führungen.
  • Der "Palazzo Ravizza" ist ein Hotel. Aber er betreibt (unter dem Motto "Discover the real city of Siena") auch den eingangs verlinkten Blog. Obwohl das Hotel bestimmt keine Hütte für arme Leute wie uns ist :-) , hat es bei den gastronomischen Tipps sogar einen Hinweis auf "unsere" (s. o.) Osteria Il Grattacielo aufgenommen. Leider sind die zahlreichen Einträge nicht durch Kategorien (wie "Museen", "Paläste" usw.) für den Besucher erschlossen. So wird man wohl nur durch Zufall einen Artikel wie "Visit to Biccherne Museum" finden. Und das ist schade, weil sich dieser Blog damit weit unter Wert "verkauft".
  •  
  • Die ultimative Informationsquelle schlechthin ist natürlich auch für Siena die Wikipedia, und davon naturgemäß die italienische Version mehr als die anderen. Hier findet man sogar eine ganze Reihe von Einträgen über einzelne Straßen. Die Sammelseite mit Siena-Themen (die wiederum zahlreiche Unterkategorien umschließt) erfasst vielleicht noch nicht einmal alle Einträge. Jedenfalls: Hier dürften kaum Informationswünsche offen bleiben. ;-)
  • Für die Provinz Siena gibt es das offizielle Portal Terre di Siena.

Zum Abschluss noch die Auflösung meines Bilderrätsels vom Beginn.
Das Eingangsbild zeigt den mittleren Teil des Turmes am Kommunalpalast (Torre del Mangia; hier in einem hochauflösenden Video), den ich durch einen der schmalen Durchgänge von der Via di Città zum Piazza del Campo geknipst hatte. Bevor ich es durch Beschneiden verrätselt habe, sah das Foto so aus ;-) :




ceterum censeo

Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 17.09.2016

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